Freitag, 20. August 2010

Hinterhofmomente

Vor dem Fenster unseres Balkons an Platanengesäumten Hinterhof, die so dicht stehen, dass das Tageslicht nur in der gezackten Form des Laubs ins Zimmer fällt, heult uns eine Rudel Straßenhunde in den Schlaf. Es ist heiß, selbst die Bettleinen sind eine Qual und der kalte deutsche Sommer scheint schon Jahre hinter uns zu liegen. Dabei sind wir ihm erst vor wenigen Tagen entkommen.

Ich bin zurück und doch in einer völlig anderen Welt als in Kiew... in der Stadt, in der mich die Ukraine vor einem Jahr, glaube ich, zum ersten Mal verzauberte, in der das Licht einen anderen Einfallswinkel zu haben scheint. Ich bin zurück in der Wohnung, in der ich mit Кино (Kino) und 
Виктор Цой (Viktor Zoy) Bekanntschaft machte, zurück in der Stadt auf deren Dächern hochherrschaftlicher Stadthäuser ich saß und Sonnenuntergänge bestaunte, sowohl die einen als die anderen sind längst vergangen. Die Erinnerung daran nicht auch die Verzauberung bleibt. Reicher sind sie nur geworden an Begegnungen, die so vor einem Jahr noch nicht möglich gewesen wären.
Ob ich einen kleinen Jungen habe, fragt sie. Ich verneine. Es muss diese Sonne, der verlängerte Sommer sein, der einen besonderen Menschenschlag schafft. Verschämt antworte ich auf die Frage, warum ich denn nicht verheiratet sei, dass ich so viel arbeite. Dass man sich in Deutschland etwas Zeit lässt mit dem Heiraten, kann ich weder sprachlich noch inhaltlich herüberbringen. Während sie mir tief in die Augen blickt und versucht mich zu ergründen, streichelt sie meine Hand und ich peinlich berührt, werde mir erneut bewusst, was es heißt deutsch zu sein. Wiederkommen soll ich, wenn es mir in ihrem Hinterhof gefällt und beinahe hätte ich sie umarmt zum Abschied so gerührt bin ich von dieser Herzlichkeit, die mich so hilflos macht. 

Montag, 16. August 2010

Tinis Kwastage

Beharrlich antwortet der kleine ewig lächelnde Kellner auf ukrainisch auf meine russische Bestellung, überrascht schauen wir ihn an, als er Tinis Bitte auf deutsch um ein Wasser zu bekommen, sofort mit der Frage nach der Größe kommentiert - auf ukrainisch versteht sich. So gelangt Tini zu ihrem ersten Kwas, der seitdem unser täglicher Begleiter geworden ist auf unserer Reise von Lviv nach Odessa. Das Brotgetränk, das zwar schauderhaft klingt, aber  nicht nur köstlich ist, sondern ich würde meine Vermögen (sehr übersichtlich nach zweimonatiger Einkommenslosigkeit) in Aktien anlegen, würde irgendjemand auf die Idee kommen, es auf dem deutschen Getränkemarkt zu platzieren. Besser als Bionade, gesünder als Afri-Kola und hipper als Club Mate alle mal! Vorausgesetzt, dass Unternehmen würde gleich an der Börse handeln. Na bei so vielen wenn und abers bleibt es wohl dabei: Ich behalte mein Geld bzw. investiere in real-exisiterenden Kwas in der Ukraine.


[...] Diese Reise beginnt mit Zufällen. Naja, dass die halbe Republik versucht ans Schwarze Meer zu gelangen im August, war eine zu berechnende Variable gewesen und somit ist es nicht überraschend, dass wir keine Tickets für die Weiterreise noch am gleichen Abend bekommen. Doch der Zufall will, dass wir in der Lemberger Morgensonne auf das falsche Haus zusteuern, in dem wir ein Hostel wähnen und von einer alten Dame abgefangen werden, die umringt von Plastikstörchen am dritten Stock an ihrem Fenster steht und uns etwas auf Polnisch zuruft. Dass es polnisch ist, erzählt sie uns später als sie uns an der Haustür abholt auf russisch, die meisten Touristen in dieser Stadt kommen aus Polen. Sie heißt Sofia hat die 70 sicher lange überschritten, in einem Pagenschnitt flattern ihr die Chilli-rotgefärbten Haare um den Kopf. Sie lächelt und begrüßt uns im blauen Bademantel, auch wenn es sicher nicht soviel zu lächeln gibt. Nach dem wir einen Blick auf die schlafenden Gäste in beiden Zimmern werfen durften, werden wir uns einig, wir werden ihre Nachfolger. Darauf raucht sie erst einmal eine Begrüßungskippe mit Tini. Es ist morgens 7 Uhr und sie rauchen, das Eis ist gebrochen. Da beide nicht miteinander sprechen können, rauchen sie ab jetzt einfach immer in Eintracht. Ich bin immer zuständig für alle Verhandlungen und dann ruft sie mich mit dieser östlichen Mundart meinen Namen auszusprechen. So als hole sie erste Silbe ganz tief aus der Kehle, als singt sie ihn (leider unmöglich sprachlich nachzumachen, bei Nachfrage, wiederhole ich es einfach. Für alle Jenaer Nachfragen ist Tini zuständig.)

Jede Nacht holt sie sich Fremde ins Haus, alle Zimmer mit Fenster hat sie vermietet und sich selbst hinter einem Vorhang einen Bereich eingerichtet, in dem sie lebt. in diesem Bereich in dem es zu jeder Tageszeit duster ist, hängt an einer Gardine etwas, dass ich nur mit Anstrengung deuten kann. Ich ziehe etwas am Vorhang, in der Angst, dass es jeden Moment auf mich stürzt, aber nichts bewegt sich. Wir einigen uns, dass wir dieses etwas beobachten werden. Es ist auch die folgenden Tage unverändert an seiner Stelle und ich erinnere mich, dass es Glück bringt im russischen Aberglauben Kakerlaken von Haus zu Haus zu bringen. Unsere ist Gott sei Dank aus Plastik und wir entspannen uns. Die echten warten erst in Odessa auf uns.

Sofia, die Verwandte in Rudolstadt hat, schließt uns spätestens nachdem wir ihr Abschiedsdalien, Tee und Süßes schenken ins Herz. Sie bringt uns zum Dank nicht nur an die nächste Straßenbahnhaltestelle, sondern fährt noch eine Station mit uns, küsst uns zum Abschied und wieder ist einer dieser herzlichen ukrainischen Momente, für die es sich lohnt, hier zu sein.

Mittwoch, 11. August 2010

"Bitte beobachten Sie mein Land genau" (Juri Andruchowytsch, 11. August 2010)

Bei 18 Grad Bochum, wo ich nun seit fast zwei Wochen täglich sechs Stunden lang den Untergang der Sowjetunion diskutiere oder die Situation russischer Familien mit der von deutschen in gebrochenem Russisch vergleiche, zum 100sten Mal die gleichen Grammatikfehler mache und nicht selten an meiner Aufnahmefähigkeit sprich Intelligenz zweifle, einem verspannten Nacken und Schlafmangel leide; heißt es, meine baldige Rückkehr in den Osten vorzubereiten. Und das fällt mir offen gesagt noch nicht leicht. Aber ich sollte mich besser schnell an den Gedanken gewöhnen, das stabile Netz nutzen um eine weitere Runde Ukraine anzukündigen. Denn am Samstag sitze ich bereits im Zug von Dresden nach Breslau, von wo es über Lwiw nach Odessa geht um mich und mein Russisch noch etwas weiterzubringen. Ende August werde ich ein weiteres Jahr in Kiew sein.

Wer sich über die ausbleibenden Geschichten per Email gewundert hat, den bitte ich um Verzeihung. Ich habe seit April ein Experiment gestartet und bin unter die Blogger gegangen, (habe dies aber noch mit wenigen ausprobiert), wo ich die kleinen Geschichten des Alltags, meiner Reisen und Eindrücke unterbringe. Ziemlich romantisch in den letzten Sommermonaten vor dem ersten Abschied, wie ich mittlerweile finde. Aber das Klima hat bekanntlich ja Einfluss auf das Wohlbefinden und somit auf die Wahrnehmung und die Sommernächte in Kiew waren so lau, dass es einem schnell romantisch zumute werden konnte. Zwar hat mich ein Abstecher im Juli aus meiner bereits einsetzenden Nostalgie in ein reales Kiew geholt, manche meiner Leidenschaften sind eben von kurzer Lebensdauer, was mir das erneute Ankommen auf jeden Fall erleichtern wird.

Nach einem Artikel aus der heutigen FAZ, wo ein großer zeitgenössischer ukrainischer Schriftsteller im Feuilleton die Leser auffordert, "Beobachten Sie mein Land bitte genau" und mit düsteren Farben die Zukunft der Ukraine unter Janukowitsch in einer stalinistischen Tradition malt und hofft, aus diesem bösen Traum zu erwachen, bin ich besonders auf die politischen Veränderungen der kommenden Zeit gespannt. Ich hoffe, ihr auch und besucht entweder meinen Blog oder vielleicht sogar einmal real mein Zuhause für weitere 10 Monate.

Eure J.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Kribbeln... jaja das liebe Kribbeln im: Bein

Nur wenige Stunden in der Stadt und das Kribbeln in den Beinen arbeitet sich langsam aber bestimmt nach oben. Das Sitzen wird schwieriger, der Drehstuhl spielt mit meiner Unruhe. Gemeinsam schwingen wir uns durch diesen Bürotag.
Vor meinem Fenster donnert und blitzt es, passend zur Stimmung. Weiterziehen heißt es, weiter, weiter, weiter. Seit sechs Tagen war ich höchstens 48 Stunden an einem Ort. [...] Denn sie wissen nicht, wo sie hinwollen diese Beine, alles fühlt sich wackelig an, wie der Tritt ins Leere sind diese Tage. Kiew war wabbernd, heiß, verschwitzt, ein wenig abgestanden und schal. Diesig vor meinen Augen, vertraut fremd nach nur vier Wochen Abwesenheit. Nach zwei Tagen schien alles erledigt auch die beginnende Nostalgie. So zogen wir weiter. Meine neue Liebe: Dresden. [...]
Wann hört das irgendwann einmal auf? Vielleicht sollte ich einfach keine Rollen an Bürostühlen haben.

Montag, 12. Juli 2010

wieder am Ort des Geschehens

nein noch nicht aber bald! Freitag genauer gesagt, und nachdem ich eben erfuhr, dass die Auswahl - der Grund meiner Reise - bereits 2 Tage früher und somit ohne mich stattfindet und mein Aufenthalt etwas spät startet, fühlt es sich noch ein wenig mehr nach Betriebsausflug an als eh schon. Nur, dass die Vehikel der Rückreise noch nicht feststehen. Es bleibt abzuwarten, ob ich es am 20. oder 21. wieder nach Berlin schaffe. Soweit der Plan. Momentan muss ich noch feststellen, dass ich mich doch wieder gut in der bekannten und doch fremden Heimat eingelebt habe, nachdem der Muskelkater am Hintern von meinem Sportsattel nachliess, ich mich der Funktionen meiner gesammelten Kräuter wieder erinnerte, mich von der Sprenkleranlage im elterlichen Garten von allen Seiten nass spritzen ließ, da sich heimische Temperaturen den ukrainischen Sommergraden anglichen. Kurz gesagt, ich entdecke immer mehr Parallelen; im Verhalten einzelner Mitmenschen hüben wie drüben und auch im Alltag. Aber dazu mehr, wenn ich mich von meinem letzten Sommerabend im Grünowski gebührend verabschiedet habe, bevor die Fahrt durch deutsche Lande morgen weitergeht.

Mittwoch, 7. Juli 2010

(Fach)-hochschulheimatstadt

So schlimm ist es hier ja gar nicht, dachte ich, als mir eben der Fahrtwind ins Gesicht blies, ich mich beglückwünschte die Brille zu tragen gegen die kleinen Insekten, die in dieser Hitze für sie auch zu später Stunde nicht müde werden mich anzufliegen.  Nur ich und ein Greifvogel der weit über mir seine Runden an einem blauen Julihimmel dreht, bevor die Sonne hinter den Kalkbergen zu meiner Linken verschwand. So schlimm ist es ja gar nicht. Die viel beschriebene Unzufriedenheit ist gewichen, seit dem mein schwarzer Gefährte mit aufgepusteten Reifen und ich mit Kamera durch die alte Heimat streifen, Lindenblüten und Johanneskraut sammelnd und all die Bücher lesend, die seit Monaten ihrer Daseinsberechtigung harren.

[...] Ich sitze in meinem Zimmer vor meiner Agatha Christie Sammlung, die nur 90 cm von mir entfernt steht, denn das Zimmer meiner Jugend ist nicht nur schmal, es ist auch voll. Nicht nur mit den Dingen, die ich hier ließ um sie nie zu vermissen. Alles ist hier, alles was ich besitze und nur selten in meiner Kiewer Zeit schmerzlich entbehre. So ist das also, der kleinen Dinge, die man lieb gewonnen glaubt, erinnert man sich nie. Eine minimalistische Existenz, seit dem mein Rechner stiften gegangen ist, versammle ich gar mein gesammeltes digitales Gedächtnis auf 2 MB.
[...] Ich glaube, ich möchte mich arbeitslos melden.“ So passiv sagte ich diesen Satz, dass die Dame hinter dem Tresen überrascht aufschaut und lächelt. „Aber ich möchte keine Leistungen beziehen.“ Ja das ist eher ein Satz, der nach mir klingt. Die ganze Prozedur eine Farce, meine Betreuerin empfiehlt mir mich doch besser selbst noch einmal einzuloggen in mein Profil, weil sie sich nicht sicher ist, ob sie mich in allen Punkten richtig verstanden hat. „ Also Sie haben studiert? – Einen Abschluss? Haben Sie den etwa auch?“ – „ Ja, natürlich“ – „Aber leider kann ich Ihr Fach nicht finden, wie wird das noch einmal buchstabiert?“ – Gut, dass das nur ein temporärer Zustand ist. Hoffen wir, dass ich auf diese Institution nie angewiesen sein werde. Schlimm nur, dass ich immer so schnell unleidlich werde.
[...] Nordhausen-Hochschulstadt, etwas geflunkert vielleicht, gibt es hier doch erst seit wenigen Jahren eine Fachhochschule. Na, man soll immer ja das Positive herausstellen. Das merke ich mir ab jetzt für zukünftige Bewerbungen.

Montag, 5. Juli 2010

Carrel 446 oder sprachlos in Jena

nun sitze ich hier in Jena, gar in einem dieser kleinen Räumchen, von denen ich dachte, sie nie wieder zu betreten, weil die Erinnerungen der Magistertage nicht die besten sind, aber nein ich sitze hier, die Zeit scheint wie zurückgedreht, ein gutes Jahr zurückgedreht und ich sitz vor diesem Blog und denke, das ist deins?

Als ich ankam, sprach ich wenig, weil das Ankommen wie in Trance verlief. Ein viel zu eng gesteckter Reiseplan ohne Schlaf dafür mit viel Kaffee in dem ich das Fernweh ertränkte, Thesenpapiere ausgedruckt und rein ins Seminar und schon mitten auf dem Universitäts-Sommerfest, wo die Gesichter der letzten sieben Jahre herumsprangen, völlig übernächtigt und vor Erschöpfung hippelig beging ich diese ersten Wochen. Nun ist es ruhiger, die Ruhe macht mich unzufrieden, weil ich sie nicht mehr kenne, weil ich sie noch nie mochte und weil es die Fremdheit noch viel deutlicher spürbar macht.

Als ich ankam, sprach ich wenig, weil ich auch wenig gefragt wurde. Das machte nichts, ich kannte das schon aus Finnland. "Ach du warst weg? Das macht nichts, jetzt bist du ja endlich wieder da."(...) "Nun dein Pony ist kürzer aber sonst?" (...) "Nö, ganz die Alte, etwas müde vielleicht, aber sonst,... schön, dass du wieder da bist. (...)

Als ich ankam, sprach ich wenig, weil ich es nicht konnte. Es erschien so kostbar,  um es mit dem Aussprechen zu entzaubern. Die Geschichten, Gefühle, Begegnungen kann ich nur leidlich teilen. Sie verblassen mit dem Erzählen; wie die Folklore-Bluse, die ich erstand aus 100 ausgesuchten, die nicht sein musste, aber doch dazu gehört, auch wenn ich wiederkomme, ohne Sophia hätte ich sie nie gesucht. Sie entlockte meiner Mutter einen Schrei des Entsetzens und schon wich das Rot des Kreuzstichs wie von Schneewittchens Wangen in meiner Wahrnehmung. Nun verteidige ich sie trotzig, das Rot bleibt weg.

Und so erzähle ich manchmal von der Hitze und den Gewittern, aber sonst? Die Geschichten sind wie weggeblasen aus meinem Kopf, weil das Konservieren eher einem Wegschließen gleicht und ich hoffe, dass sie wiederkommen, wenn ich hier endlich angekommen bin in der mir so fremden vertrauten Welt.

Dienstag, 22. Juni 2010

Pfützen wie Seen

... nimm mich mit auf diese Reise durch das noch im Regen heiße Land; die Pfützen, die Ausmaße von Seen haben, zu den Paaren, die swingen mitten am Kontraktova zu später Stunde. Der Taxifahrer, der die jungen Leute mit Rockn Roll versorgt, sitzt bei offener Tür da wie ein strenger Tanzlehrer zur wöchentlichen Sitzung, der Klavierspieler wurde durch das Radio ersetzt. Wir sind draußen, es ist nachts, es ist warm, die Jungen schwingen ihre federleichten Mädchen um die Pfützen herum. Die letzten Babuschki haben ihre Zigarettenstände längst eingepackt...

... nimm mich mit zu den Plätzen dieses Landes, wo Zelte stehen und Menschen spät nachts noch zusammenkommen, weil sie wissen, dass es dort immer Leben gibt, Sie trinken Tee und anderes, über Tische hinweg kommen sie ins Gespräch auch über Nationalitäten, tanzen zu alten Klassikern, die sie, gleich welche Generation, mitsingen könne; wo auch die Hundegang, die nachts ihre Runden zieht durch den Kiez von niemandem vertrieben wird, sie gehören zum nächtlichen Treiben dazu...

... lasst euch mitnehmen, denn ich komme wieder und teile gern...

Freitag, 18. Juni 2010

Weißweinabende

während ich den Weißwein meiner Mädels der letzten Woche eben aufgeschraubt habe - danke Mädels! - hadere ich mit mir, ob das nun eine gute oder doch eine schlechte Idee ist, den Abend zu Hause zu verbringen, einen Freitagabend zudem, meinen letzten Freitagabend vorerst. Aber vielleicht ja auch nicht die schlechteste Entscheidung nach dem amerikanische Wissenschaftler ja herausgefunden haben, dass der Mensch in den Sommermonaten einen Schlafmangel erleidet, den man nicht mehr aufholen kann. Und zwar nicht weil er zur Vergnügungssucht im Sommer neigt, nein, weil die Zeitumstellung einen Stress für den Biorhythmus auslöst, der uns dick und doof werden lässt. Ich habe mir diese Erläuterung besonders zueigen gemacht und lehne jede nähere Diskussion ab, die vielleicht einen Zusammenhang zu meinem Bierkonsum, Schlafmangel und Hüftgold herstellen könnte. Und weil ich mich nun so schön in Rage geschrieben habe, noch einige Momente der letzten Zeit, die ich gern teilen möchte:

Zum Beispiel den Moment, als ich mit meinen deutschen Mädels absichtlich verstummte, um ja keine Aufmerksamkeit auf dieses ekelhafte bayrische Männerduo zu erregen, sich in unserer Nähe und zudem noch in meiner Lieblingskneipe niederzulassen. Leider vergebens, sie setzen sich beim Anblick unserer weissen Kronen. Und der verzweifelte Blick des Kellners, der wohl bei der Bestellung bemerkt haben musste, dass ich gekonnt alle Fallendungen ignorierte, ließ mich rübergehen und assistieren. Die Herren konnten außer deutsch wenig und schienen sich auch noch darüber zu echaufieren, dass die Karte nur in Kyrillisch zur Verfügung steht., dass auch ich kein Ukrainisch spreche, verstanden sie erst gar nicht. Die Karte war aber nur in ukrainisch zu haben. Dass ich dann auch noch deutsch sprechen konnte, ließ sie vor Überraschung das Menu zuklappen, als könnte ich Ihnen von den Lippen ablesen, was sie wollen. Genau dass scheinen sie hier nämlich zu suchen in diesem Land und bringt mich völlig auf die Palme. Da versucht man Monate lang ein differenziertes Deutschlandbild über "Hitler kaputt" zu vermitteln und dann solche Typen! Dass es sich nicht um normale Touristen handelt, war beim ersten Blick ersichtlich. Als sie mich dann aber noch fragten, was ich hier denn mache und er noch bevor ich antworten konnte, vorschlug, ich wäre Kupplerin, war der Grund ihrer Reise klar! Diese Typen sind auf der Suche nach Frauen und zwar professionell, was sie auch bitter nötig haben, so abstoßend wie sie sich benahmen. Einfach unglaublich. Ich hatte schon oft vom Sex- und Heiratstourismus gehört, aber das war meine erste eigene Begegnung damit. (Das Bild dazu habe ich zufälligerweise am gleichen Tag gemacht)Abgesehen von ukrainischen Mädels, die sich auf ausländische Männer spezialisiert haben und dann empört erzählen, dass er nicht mal den Flug nach Kanada oder die USA zahlen wollte. Nun aber dass ist ein anderes Kapitel vom Geschlechterverständnis, das ich ein andermal öffne.

[...] letzte Woche gab es in Kiew die heißeste Woche im Juni seit Aufzeichnung des Wetters, sage und schreibe 39 Grad sollen letzen Samstag gemessen worden sein. Mein Gefühl würde sagen, die haben recht diese Wetterleute. Es war unglaublich heiß, sogar noch nachts, auch wenn man dann sogar für einem kurzen Moment aufhörte zu schwitzen. Aber nur bis zum Sonnenaufgang gegen 5.00 Uhr.

[...] Wir kriegen neue Fenster im Büro. Das heißt, dass ich im nächsten Winter vielleicht sogar mal länger im Büro verweilen kann ohne Erfrierungserscheinungen und vermindertes Denkvermögen.

[...] Ich werde ab September kein Englisch mehr als Ausweichsprache sprechen sondern Russisch! Soweit der Plan! Ich habe mir sogar schon einen neuen Tandempartner dafür angelacht. Meine Pläne sind ja bekanntlich großartig, einzig die Umsetzung hapert manchmal.

[...] Naja, der letzte Versuch mit meiner krummen Nagelschere einen geraden Pony zu schneiden ist etwas missglückt, die Nachjustierung hat ihn zu einem gemacht, der seinen Namen wirklich verdient: Mikro.
Nebenbei bin ich noch die Wankelmut in Person, werde dazu aber nur Aussagen bei Nachfrage machen...

Soweit mein Weißweinfreitagabend! Prosit...

Dienstag, 15. Juni 2010

Liebhaberstücke

Komische Tage sind das. Komische Begegnungen, komische Begebenheiten, komische Gefühle und Launen, komisches Wetter, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und um, das mir so eigentümliche Grübeln einmal einzustellen, habe ich beschlossen, heute keine kryptische Geschichte zu schreiben, die mir dann hinterher viele Fragen per Email einbringt, wen meinst du, was meinst du, geht es dir auch wirklich gut? Ja es geht mir gut, vielleicht schon etwas zu gut. Aber wie gesagt, heute einmal anders. Ich bin noch genau 7 Tage hier, bevor ich nach Deutschland aufbreche. Wenn ich das nächste mal da sein werde, wird alles etwas anders sein, weswegen ich mir vergegenwärtigen muss, was ich an und in diesem Land eigentlich lieb gewonnen habe und was mir sicher bald fehlen wird:
  1. Morschinska, ein Mineralwasser aus den Karpaten. Wäre nicht das Problem, dass ich es ständig kaufen und tragen muss, weil man kein Leitungswasser trinken kann.
  2. unsere Studentinnen, die wir liebvoll "die Mädels" nennen.
  3. den kleinen Streuner, der immer im Porter rumhängt und jeden vertreibt, der nicht zu seinem Revier gehört. Gott sei Dank haben wir uns angefreundet und ich gehöre wohl zu seiner Gang.
  4. dass ich im Porter und Kupidon als alte Bekannte mit einem Lächeln begrüßt werde
  5. nachts auf dem Balkon anderer Leute mit großer Leidenschaft Blumen zu bespritzen
  6. auf noch anderen Balkonen herumzuhängen, dem Gewitter und den todesmutigen Motten in der gegenüberliegenen Laterne zuzusehen
  7. Limonen-Schokoladen-Softeis, wovon ich an manchen Tagen zwei hintereinander verspeisen kann
  8. nachts um 2 noch im Sommerkleidchen durch die Straßen spazieren und endlich das Gefühl zu haben, dass es sich etwas abkühlt
  9. Pfützenhüpfen im Hitzegewitter
  10. am Wochenende Hochzeitspaare beim Posen fürs Familienalbum zu beobachten
  11. Flashmobs zu denen keiner kommt
  12. Die Pausenhofdisko meiner Uni 
  13. die ruppige Herzlichkeit der Küchenfrauen in der Mensa, wenn sie mir meinen Borsch geben.
  14. grünen und roten Borsch, Salat Olivie und Vinegret, Grapefruitsaft, georgisches und jüdisches Essen, Lvivskie
Mensch diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, ich kann es gar nicht glauben. Man gut, dass ich das alles fortsetzen kann im Herbst! Es darf an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, dass es auch viele Menschen und Dinge gibt in Deutschland, auf die ich mich ungemein freue. In diesem Sinne auf ein baldiges Wiedersehen nüben und drüben.