Donnerstag, 7. April 2011

Duschgeschirr (47)

unwahrscheinlich dass ich es vergesse, denn es war der Running-Gag meiner zwei Jahre:
"Und wo wohnst du so?"
- "Im Gästehaus der Universität"
- "Wow"
- "ja es ist super hier. Manchmal vielleicht ein wenig anstrengend, dass ich nur einen Wasserkocher und Kühlschrank habe - aber ansonsten super." Und das meinte ich völlig ironielos. Dass ich jedoch zwei Jahre meine Geschirr in der Dusche gespült habe, zugegeben meistens im Waschbecken, das habe ich heute photographisch festgehalten.

Mittwoch, 6. April 2011

Kiewkiosks (48)

an jeder Ecke in jeder Lebenslage zu jeder Stunde des Tages und in jeder erdenklichen Gemütslage von Verkäuferinnen zu finden.

Dienstag, 5. April 2011

Die Morgenmetro (49)

ich bin noch nicht sicher, ob ich sie wirklich vermissen werde: wenn am Morgen die halbe Stadt unterwegs ist, Kiew hat inoffiziell 4 Millionen Einwohner davon fahren mindestens eine Million jeden Tag Metro im Berufsverkehr knattert sie im 30 Sekundentakt in die Stationen und es ist schon ein sehr eigenes Gefühl, wenn einem ein Schwall von Mensch beim Aufkrachen der Türen entgegenprallt: physisch, geruchlich, es ist sogar menschenwarm und man wünscht sich ganz fern. Wie versteinert starren alle auf die Katzen-Homevideos auf den Monitoren um sich von der Außenwelt abzuschirmen. Es gibt keine Distanz mehr zu dem Bierbauch des Alten hinter einem. die Turmfrisur vor der Nase. Es passt buchstäblich kein Papier zwischen einen und die anderen. Dabei gehöre ich zu den Glücklichen, ich passe meist in die erste Metro, da ich nicht aus den Schlafstädten ins Zentrum aufbreche. Eine Freundin erzählte, dass sie meist erst in die dritte hineinkommt - wenn es gut geht, ansonsten die vierte. Heldenhaft berichtete sie, wie sie neulich mindestens drei Stationen auf einem Bein fuhr, weil sie den Fuß nirgendwo abstellen konnte. Aus diesem Grund auch ein bildlicher Abschied von der Morgenmetro

Montag, 4. April 2011

Abschiedsexperiment in Bildern

Eine Freundin fragte mich gestern via Email, ob ich denn schon Abschied feiere, denn als sie damals Bisk (Sibirien) verließ, habe sie zwei Wochen lang feiern müssen, sie war genau drei Monate dort und kann sich nur schwer vorstellen, wie das wohl bei zwei Jahren sein müsse. Sie hat Recht, ich plane bereits - bin eben eine Deutsche geblieben - wann und wo und mit wem, ob alle zusammen, ich einen Raum, eine Bar, eine Band mieten, den Strand für einen Abend im Mai in Beschlag nehmen sollte etc.

Da es auch Abschiednehmen von vielen kleinen Dingen und Momenten heißt, die ich hier lasse, über die ich lachen muss, mich manchmal ärgere oder sie als alltäglich empfinde und sie irgendwann vergessen werde, mich aber auch gebührend verabschieden will, werde ich die nächsten 49 Tage jeden Tag ein Foto machen, vielleicht auch erklären, was genau ich hier verabschiede.
Ich spinne, ich weiß. Aber das soll mein kleines erinnerungstechnisches Experiment sein.

Tag 50: Ein Ausschnitt meiner Badezimmerfliesen-Vokabeln-Post-its mithilfe des Auswärtigen Amts in die Tat umgesetzt, zu dieser Kategorie gehören auch die Kühlschrankworte und Schreibtischverben:

Samstag, 2. April 2011

Tschernobyl Tours

So heißt die eine oder andere Agentur, die Geld mit dem Schrecken macht. Bald ein Jahr habe ich nachgedacht, ob sie auch ihr Geld an mir verdient. Die Zone ist noch immer gesperrt, nur mit Sondergenehmigung zu erreichen, an der ein Rattenschwanz an Mitverdienern hängt. Morgen fahre ich.

Ich habe mit vielen gesprochen, mit den Ausländern um mich, mit Ukrainern. Jeder hatte eine Meinung zum Kommerz, zu den Bildern, zum Grauen, zur Gefährlichkeit dieses Unterfangens. Am meisten beschäftigt hat mich eben dieser Kommerz mit der Katastrophe, die davon am meisten Betroffenen sehen nichts von dem kleinen Vermögen, dass mich und viele andere dieser Trip kostet und den halben Monatslohn eines ukrainischen Hochschuldozenten darstellt.

Was sucht sie da, wird wieder der ein oder andere denken (die liebe Familie ;), reicht ein Loch im Bein mit dazugehörigem Adrenalinputsch im Jahr noch nicht? Die Strahlung dort ist so hoch wie in Kiew – ich weiß nicht, ob das eine beruhigende Antwort ist, aber gefährlicher als hier ist es nicht.
Wenn ich nicht jetzt fahre, werde ich es niemals tun. Und ich bin neugierig, will verstehen, was da passierte, was es für die Gegenwart bedeutet und den Unfall in Japan nachvollziehbarer macht.  Ich will die alte dort konservierte Sowjetunion sehen, so sehr sie nun auch journalistengerecht in Szene gesetzt sein mag und ich habe es mir gut überlegt.

Freitag, 1. April 2011

Alterswitz


Egal wo ich hinkomme, die Welt denkt, ich sei jung. Nein, die Ukraine denkt, ich sei jung. Ich bin jung. Aber im Maßstab der Ukraine sehe ich jünger aus, als ich bin. Ein Pferdeschwanz ziert sich für eine Dozentin an der Uni nicht, flache Schuhe, ungeschminkte Lippen, unberingte Finger. „ Was Sie unterrichten? Aber Sie sind doch noch so jung.“ Ich habe aufgehört diesen Satz zu zählen. Aber er kommt immer. Vielleicht ein Kompliment, dem einen Gegenkompliment über das Alter des Gegenübers folgen soll? – tja , dann habe ich interkulturell versagt. Kein Wunder, kann mir in meinem Alter schon mal passieren, letzte Woche waren es 10 graue Haare, die ich mir ausriss.

Mittwoch, 30. März 2011

Abschied auf Raten

Es ist Ende März, noch fast zwei Monate werden es sein, wenn mein Flugzeug abhebt, mich in eines neues völlig anderes Leben bringt. Zugegeben, etwas melodramatisch, ich fliege schließlich nur nach Frankfurt.  Aber dann ist es Schluss mit dem Projekt, in das ich seit Finnland hineingewachsen bin. Mein Nachfolger steht dann schon in Kiew bereit mein Seminar zu übernehmen. Eine Woche habe ich zum Ankommen, Verarbeiten, Wegschließen, Romantisieren und Auspacken. Dann geht es los, das neue und ferne kaum vorstellbare Leben in Deutschland.
Und schon jetzt beginnt es zu schmerzen, als mich meine Mädels ganz entgeistert ansehen, was schon im Mai so früh?

Verzweifelt guckt sie mich an, denn sie hat ihre Hausarbeit kommentiert zurück bekommen, dass es nicht möglich sei, diese Arbeit zu verstehen. Und ich fühle mich verantwortlich. Das werde ich noch lange tun, diese Mädels waren mein Start in Kiew, ich hab mit ihnen gelernt, jeden Schritt begleitet und bevor sie ihren Abschluss haben, gehe ich, das schmerzt. Dabei will habe ich sehnsüchtig nach  etwas anderem gesucht, war im Kopf lange nicht mehr am Ort und nun schmerzt es, schon jetzt und es sind noch zwei Monate des Abschiednehmens, was bin ich aber auch eine sentimentale Kuh.

Sonntag, 27. März 2011

die Abschiedstour beginnt

Wenn es mir gut geht, dann schreibe ich nicht, gut, dann zwinge ich mich ab jetzt immer ein bisschen. Denn die Tage sind gezählt. Am 23.Mai fliege ich. Bis dahin heißt es Abschiednehmen und mir wird schon ganz schwer zumute. Vielleicht kommt das mit dem Schreiben schon wieder von ganz allein.
Das erste Ziel: Czernowitz. 

„Wie ist Czernowitz für dich“, fragt er? Ja, wie es ist eigentlich. „Eine Stadt ungewöhnlicher Begegnungen“ sage ich und er: „ Es ist die Stadt der Intellektuellen, der Literatur, der Juden“ und ich frage mich, ob das stimmt.  Eine andere Aussage kommt mir in den Sinn, einer die dort Deutsch unterrichtet und sich weigerte weiterhin an die Uni zu kommen, wenn sie nochmals Zeugin von bezahlten Examensnoten wird. „ Es wird den Ukrainern, die dort leben nicht gerecht, wenn man die Stadt nur durch die Brille der Literatur sieht.“ Und in der Tat renne ich mit meinem Gregor von Rezzori durch die Stadt und suche seine Gartenstraße, das verwunschene Haus des Professor Feuer und später das Geburtshaus von Paul Celan, die Gedenkplakette hängt am falschen Haus und ich muss schallend lachen, als ich mir die ausländische Delegation bei der Eröffnung vorstelle – am falschen Ort. Das ist Czernowitz eigentlich für mich. Alles steckt in einer falschen Haut und ist dabei so charmant. Die Stadt wenig mit ihren Bewohnern zu tun, wie arrogant: der Blick durch die Vergangenheit. In welchen Städten, denen das zwanzigste Jahrhundert so übel mitspielte, ist das schon so? Und doch, die, die ich treffe, richten den Blick eher zurück als nach vorn. Der ältere Professor für französische Sprache, dessen Altherrencharme ich bei Kräutertee, Schokolade und Cognac erliege; die pensionierte Dozentin für Archäologie, die unbefangen mit uns auf Russisch plaudert über sich die Kunst in ihrer Stadt und Familie, natürlich die Vergangenheit und uns zum Abschied Postkarten über ihr altes Czernowitz schenkt. Dabei sind wir schon so reich beschenkt: kyrillische ex libris, meine neue Leidenschaft nach ukrainischen Pysanka. Über alle werde ich noch berichten, immer ein wenig...

Dienstag, 1. März 2011

Kioskkosmos

„Nehmen Sie doch von beiden eins, dann können Sie das eine mal probieren.“ „Ja“ sage ich, „aber es ist doch für eine Freundin“, „kein Problem schießt es aus ihr raus in ihrem Beratungsgespräch über Snickers Erdnuss oder Haselnuss, da sind zwei drin. Dann können Sie beide probieren.“ „Stimmt“, sage ich und kaufe beide. So geschehen, gestern an einem kleinen Kiosk unweit meiner Uni, man führt Beratungsgespräche mittlerweile mit mir. Meine Antworten holpern noch ordentlich, zugegeben, aber der treudoofe Hundeblick, den ich aufzulegen geübt war, wenn mal wieder gar nichts ging, der ist weg.  Kioske gibt es hier an jeder Ecke, sie sind von oben bis unten beklebt mit Etiketten der Verkaufsgegenstände und haben nur eine kleine Luke, in die man sich zum Kauf hineinbeugt. Ich habe da so meine Lieblinge. Den Kiosk am Kontraktova, mit der älteren aber kecken Dame, die mir immer erzählt, dass sie Rumänisch in der Schule gelernt hat und mich dann jedes Mal aufs neue fragt, woher ich denn komme (nicht, dass man das sowieso jedes Mal hören würde), dann feilt sie an meiner Aussprache. Jedes Mal das Spiel von vorn.

Noch im letzten Jahr, als die Idee mit dem Blog noch lange nicht geboren war, schlenderte ich, na ich taumelte vielleicht auch ein bißchen, um die Ecke, bog in die letzte Straße vor meiner ein, und er war weg. Ein riesen Loch klaffte an der Stelle, an der ich noch tags zuvor mein Wasser gekauft hatte. Zuerst schob ich es auf das Bier in mir, aber der kleine Treppenpodest war noch da. An dem Nichts hatte es einmal eine Treppe gegeben, in meinen Kiosk genauer gesagt. Ich war also nicht betrunken. Man hatte ihn abgeholt. Vielleicht saßen die kleine dicke blondgefärbte Verkäuferin in blauer Kittelschürze noch hinterm Tresen, zählte das Kleingeld und quatschte mit ihrer brünetten Freundin, als man sie weghob und wegkarrte. Komisch. Aber ich habe diese Vorstellung dabei. Dann lud man sie an einer anderen Stelle in Kiew wieder ab und die Geschäfte und das Geldzählen gingen weiter, so als hätte sich nie etwas geändert. Im Kioskkosmos hatte es ja auch keine Veränderung gegeben, nur in der Außenwelt. 

Ich mache Fortschritte. Der Winter auch. Es sind nun nur noch -8 Grad täglich, aber wenn die Sonne scheint, bringt sie Eiszapfen an Strommasten und Dachrinnen erbarmungslos zum Schmelzen, was einen erinnern macht, dass man eigentlich ja vorhatte, nicht mehr so nah an Hauswänden vorbei zu schleichen.  Die letzten Eishaufen werden von Baggern aufgebrochen, abgeschabt und weggefahren. Ich habe meinen Pelz mit meinem Dufflecoat eingetauscht,  der mir leicht wie eine Feder vorkommt und am Sonntag fliege ich für eine Woche nach Deutschland, in den Frühling so hoffe ich.