Montag, 11. April 2011

das Vergessen (43)

Vielleicht gehöre ich einer Nation an, die nicht gern vergisst, die vielleicht auch dazu gezwungen wurde und sich an dieses kleine Detail nicht mehr erinnert. Vielleicht nicht alle, aber ich erinnere. Ich veranstalte keine Grillabende an Orten, an denen Massaker an Tausenden von Menschen stattfanden, erkenne das Leid einzelner Gruppen an wie das erlittene Leid anderer ohne dazwischen abzuwägen. Noch immer zucke ich bei jedem antisemitischen Witz zusammen, genau so bei homophoben. Aber auch an diese Momente sollte ich mich erinnern, bevor ich mich einer ukrainophilen Folklore-Erinnerung hingebe.

Sonntag, 10. April 2011

die Oper (44)

In der Kiewer Oper entdeckte ich meine Leidenschaft fürs klassische Ballett, war verzaubert von Prokovjews Romeo und Julia, angetan vom Nußknacker-Weihnachtstraum bei sommerlichen Höchstwerten, fieberte mit Madame Butterfly um ihren amerikanischen Handeltreibenden, in einer Puccini Oper, lachte mit Figaro und bestaunte das ein oder andere Mal ein Ballett das ukrainische Volkstänze vorführte. Sie wird mir fehlen, genau so wie der Krimsekt der ersten Pause und die posierenden Paare auf schönstem Marmor gülden umrahmt.

Samstag, 9. April 2011

Donnerstag, 7. April 2011

Duschgeschirr (47)

unwahrscheinlich dass ich es vergesse, denn es war der Running-Gag meiner zwei Jahre:
"Und wo wohnst du so?"
- "Im Gästehaus der Universität"
- "Wow"
- "ja es ist super hier. Manchmal vielleicht ein wenig anstrengend, dass ich nur einen Wasserkocher und Kühlschrank habe - aber ansonsten super." Und das meinte ich völlig ironielos. Dass ich jedoch zwei Jahre meine Geschirr in der Dusche gespült habe, zugegeben meistens im Waschbecken, das habe ich heute photographisch festgehalten.

Mittwoch, 6. April 2011

Kiewkiosks (48)

an jeder Ecke in jeder Lebenslage zu jeder Stunde des Tages und in jeder erdenklichen Gemütslage von Verkäuferinnen zu finden.

Dienstag, 5. April 2011

Die Morgenmetro (49)

ich bin noch nicht sicher, ob ich sie wirklich vermissen werde: wenn am Morgen die halbe Stadt unterwegs ist, Kiew hat inoffiziell 4 Millionen Einwohner davon fahren mindestens eine Million jeden Tag Metro im Berufsverkehr knattert sie im 30 Sekundentakt in die Stationen und es ist schon ein sehr eigenes Gefühl, wenn einem ein Schwall von Mensch beim Aufkrachen der Türen entgegenprallt: physisch, geruchlich, es ist sogar menschenwarm und man wünscht sich ganz fern. Wie versteinert starren alle auf die Katzen-Homevideos auf den Monitoren um sich von der Außenwelt abzuschirmen. Es gibt keine Distanz mehr zu dem Bierbauch des Alten hinter einem. die Turmfrisur vor der Nase. Es passt buchstäblich kein Papier zwischen einen und die anderen. Dabei gehöre ich zu den Glücklichen, ich passe meist in die erste Metro, da ich nicht aus den Schlafstädten ins Zentrum aufbreche. Eine Freundin erzählte, dass sie meist erst in die dritte hineinkommt - wenn es gut geht, ansonsten die vierte. Heldenhaft berichtete sie, wie sie neulich mindestens drei Stationen auf einem Bein fuhr, weil sie den Fuß nirgendwo abstellen konnte. Aus diesem Grund auch ein bildlicher Abschied von der Morgenmetro

Montag, 4. April 2011

Abschiedsexperiment in Bildern

Eine Freundin fragte mich gestern via Email, ob ich denn schon Abschied feiere, denn als sie damals Bisk (Sibirien) verließ, habe sie zwei Wochen lang feiern müssen, sie war genau drei Monate dort und kann sich nur schwer vorstellen, wie das wohl bei zwei Jahren sein müsse. Sie hat Recht, ich plane bereits - bin eben eine Deutsche geblieben - wann und wo und mit wem, ob alle zusammen, ich einen Raum, eine Bar, eine Band mieten, den Strand für einen Abend im Mai in Beschlag nehmen sollte etc.

Da es auch Abschiednehmen von vielen kleinen Dingen und Momenten heißt, die ich hier lasse, über die ich lachen muss, mich manchmal ärgere oder sie als alltäglich empfinde und sie irgendwann vergessen werde, mich aber auch gebührend verabschieden will, werde ich die nächsten 49 Tage jeden Tag ein Foto machen, vielleicht auch erklären, was genau ich hier verabschiede.
Ich spinne, ich weiß. Aber das soll mein kleines erinnerungstechnisches Experiment sein.

Tag 50: Ein Ausschnitt meiner Badezimmerfliesen-Vokabeln-Post-its mithilfe des Auswärtigen Amts in die Tat umgesetzt, zu dieser Kategorie gehören auch die Kühlschrankworte und Schreibtischverben:

Samstag, 2. April 2011

Tschernobyl Tours

So heißt die eine oder andere Agentur, die Geld mit dem Schrecken macht. Bald ein Jahr habe ich nachgedacht, ob sie auch ihr Geld an mir verdient. Die Zone ist noch immer gesperrt, nur mit Sondergenehmigung zu erreichen, an der ein Rattenschwanz an Mitverdienern hängt. Morgen fahre ich.

Ich habe mit vielen gesprochen, mit den Ausländern um mich, mit Ukrainern. Jeder hatte eine Meinung zum Kommerz, zu den Bildern, zum Grauen, zur Gefährlichkeit dieses Unterfangens. Am meisten beschäftigt hat mich eben dieser Kommerz mit der Katastrophe, die davon am meisten Betroffenen sehen nichts von dem kleinen Vermögen, dass mich und viele andere dieser Trip kostet und den halben Monatslohn eines ukrainischen Hochschuldozenten darstellt.

Was sucht sie da, wird wieder der ein oder andere denken (die liebe Familie ;), reicht ein Loch im Bein mit dazugehörigem Adrenalinputsch im Jahr noch nicht? Die Strahlung dort ist so hoch wie in Kiew – ich weiß nicht, ob das eine beruhigende Antwort ist, aber gefährlicher als hier ist es nicht.
Wenn ich nicht jetzt fahre, werde ich es niemals tun. Und ich bin neugierig, will verstehen, was da passierte, was es für die Gegenwart bedeutet und den Unfall in Japan nachvollziehbarer macht.  Ich will die alte dort konservierte Sowjetunion sehen, so sehr sie nun auch journalistengerecht in Szene gesetzt sein mag und ich habe es mir gut überlegt.

Freitag, 1. April 2011

Alterswitz


Egal wo ich hinkomme, die Welt denkt, ich sei jung. Nein, die Ukraine denkt, ich sei jung. Ich bin jung. Aber im Maßstab der Ukraine sehe ich jünger aus, als ich bin. Ein Pferdeschwanz ziert sich für eine Dozentin an der Uni nicht, flache Schuhe, ungeschminkte Lippen, unberingte Finger. „ Was Sie unterrichten? Aber Sie sind doch noch so jung.“ Ich habe aufgehört diesen Satz zu zählen. Aber er kommt immer. Vielleicht ein Kompliment, dem einen Gegenkompliment über das Alter des Gegenübers folgen soll? – tja , dann habe ich interkulturell versagt. Kein Wunder, kann mir in meinem Alter schon mal passieren, letzte Woche waren es 10 graue Haare, die ich mir ausriss.