Freitag, 25. August 2017

Ein Brennglas Europas im Sommer 2017

nach einer Zugfahrt der spektakulären Art - nicht weil sich Geschwindigkeiten jagen, sondern weil wir tief unter den Cottischen Alpen, mit bewegtem Berg und damit auch gefährdeten Gleisbett, reisen, erreichen wir Ventimiglia, das Mittelmeer. Ein Tunnelprojekt politischer Art gezeichnet von außenpolitischen Friktionen zwischen Frankreich und Italien zwischen den Kriegen - die Tunnel als Festungen ausgebaut für den Ernstfall inklusive Schießscharten.

Lass uns das Meer sehen, bevor wir die Grenze nach Frankreich passieren, Ende einer Urlaubsetappe, denken wir. Aber Innerlich erstarre ich, als wir am frühen Abend das Meer erreichen. Noch ist es heiß. Das Meer glitzert im Abendlicht. Wenige tummeln sich.
Still werden wir, denn wir sind im Urlaub. Links von uns starrt eine kleine Gruppe von Flüchtlingen auf das Meer, dass sie querten, vielleicht schon vor längerer Zeit. Sie wirken, als warten sie schon länger und schauen auf das Meer.

Weiter entfernt von den badenden Familien ein kleines Zeltlager. Bizarr die Stimmung. Russische Familien, mit posierenden Ehefrauen mit Smartphones im Anschlag, kleine Kinder verloren an ihren Unterschenkeln hängend, die Männer mit Bier betont unbeteiligt. Eine italienische Großfamilie, ein Deutscher mit Mountain Bike, der wacklig und steif die Kiesel des Strandes entlang schiebt - er hat in 7 Tagen die Trans Alp gequert, finden wir heraus. Sebastian lichtet ihn und sein Rad am Meer ab, sein Telefon hat die Tour nicht überlebt. Aber ein Zeugnis braucht es von diesem Erfolg. Zunächst ist er skeptisch, dass Fremde ihn ansprechen. Aber wir sind Bruder und Schwester im Geiste, nur radeln wir nicht. Unsere Art des Reisen ist noch entschleunigter. Die Strandverkäufer-Dichte ist hoch, Armbänder, Ketten, Elektronik. sie preisen ihre Waren an. Ködern die Kinder mit aufblasbaren Pinguins. Die Flüchtlinge lassen sich eine Taschenlampe vorführen - aus China - aber Preis-Leistung stimmen nicht. Sie kaufen nicht. Eine Asiatin bietet Massage auf italienisch an.

Und mittendrin wir. Platt. Ratlos über Raum und Zeit. Ratlos an diesem Strand von Ventimiglia im Sommer 2017 mitten in einem Brennglas Europas.

Sonntag, 20. August 2017

Tag 6: Ab- und Ausstieg aus der GTA 2017


Noch beim Frühstück strahlen die Berge mit der Sonne um die Wette. Aber nur eine Stunde später weht ein böiger, frischer Wind um die wenigen Häuser der Pian del Melze  - das Wetter schwingt um und wir sind froh, dass wir heute aussteigen aus der diesjährigen GTA - die Sonntagsausflügler, die bereits früh am Berg sind, tummeln sich alle im einzigen Café am Platz. Sie frösteln. Wir auch.
Als wir loslaufen, hat es bereits zu regnen begonnen. Der Regen wird uns bis ins Tal nach Crissolo begleiten. So sehen also Wetterumschwünge am Berg aus. Kein Anzeichen für mich - vielleicht der laue Vorabend, der bis spät in die Nacht für die Berge eigentlich zu warm und feucht war. Die Wolkenbildung vielleicht ein wenig turmiger als die Tage zuvor, aber sonst ein strahlender Sonntag, der für die Händler am Platz beste Geschäfte versprach und nun ein Sommersturm. Wer nun in den Bergen steckt, ist nicht zu beneiden. 
Am Tag zuvor konnten wir am Von Viso einen Felsabbruch bestaunen, so groß, dass er weit bis auf den nächsten Berg zu hören war. Wir hoffen, dass niemand zu Schaden kam, denn den Hausberg der Turiner besteigen so einige im Juli und August.

Wir werden noch einige Tage im Piemont bleiben, leichte Touren in Crissolo hatten wir geplant, aber außer Spaziergängen wird daraus nichts werden. Ohne Gepäck auf dem Rücken fehlt uns der Ehrgeiz und nötige Ernst für die Sache.
Es wird auch ungemütlich in Crissolo, wir frösteln fast und reisen ins Tiefland nach Fossano, einer verträumten mittelalterlichen Kleinstadt am Rande des Langhe und bekannten Weingebiet Norditaliens. Da wir hier bereits nach einem Tag die Stadt erkundet haben, mieten wir ein Auto und befahren die Weingebiete von Bra bis Alba - das Gebiet um den Barolo natürlich auch. Wohlwissend, dass wir weiter mit Rucksack reisen, packt uns die Lust am Sommer und dem Wein. Wir reisen mit 5 Flaschen im Gepäck ab in Richtung Südfrankreich ins nächste Weinparadies.

Tag 5: Rifugio Barbara Lowrie nach Plan Melze della Regina

Das Paradies entpuppt sich am Abend als ein hellhöriger Pappkarton, als drei kleine Jungs im Nebenzimmer nicht einschlafen wollen. Sind sie nach langen Verhandlungen ruhig gestellt, diskutieren die Kinder im Nachbarraum mit ihren Eltern. Elternsein in Italien scheint eine Herausforderung zu sein, jeder Einschlafprozess eine neue Verhandlungsrunde. Irgendwann schlafen alle und nur der kleine sanfte Bach plätschert vor dem Refugio Barbara Loire (1763). Wir rächen uns am nächsten Morgen mit einem frühen Aufbruch, denn der Vortag hat uns gelehrt: Früher loslaufen, heißt weniger Hitze am Berg und bessere Aussichten und auch diesmal werden wir wieder belohnt werden.
Nach uns stolpert die Hüttenwirtin die Treppe hinunter. Wenige Wanderer scheinen schon 7.30 Uhr die Rucksäcke zu satteln. Außer uns gibt es auch keine GTA-Wanderer weit und breit. Wenn wir mit Tischnachbarn unsere Touren diskutieren und nachfolgenden Etappen ernten wir immer erstaunte Blicke. Die meisten im Val Pellice scheinen Genusswanderer zu sein, mit kurzen Wanderungen und umso längeren Einkehren - verständlich bei diesen 3-Gänge-Menues, die wir abends immer vertilgen.

Im Hintergrund ein weißer Streifen des Monte Rosa
Der Himmel ist tief blau, die Luft klar, als wir uns aufmachen und hinter dem Rifugio eine Wiese hinaufsteigen. Ein wunderbarerer Wanderweg schlängelt sich im Schatten einen Lärchenwalds, wenige Camper haben sich im hinteren Teil des Tals niedergelassen und schlafen noch. im Hintergrund rauschen zwei Wasserfälle, die wir zwar hören, aber hinter den Bergkämmen nicht mehr sehen können. Wir sind schnell an diesem Morgen und nehmen die ersten 300 Höhenmeter an diesem Tag wie geplant. Als der kühlende Wald ein Ende nimmt, schreibt unser Rother-Wanderführer erhaschen wir beim Steigen auf den Colle Proussera (2198m) links von uns bei guter Sicht einen Blick auf das Monte Rosa Massiv, das uns bei unserer letzten Wanderung ständig austrickste. Immer wenn wir wieder an einer Stelle für einen Blick standen, schoben sich dichte Wolken davor oder wir selbst standen mitten in einer Wolke, die sich abregnete und wir froh waren unsere Händen vor den Augen zu sehen.


Da wir auf unserer Karte den benannten Bergrücken nicht so recht zwischen den verschiedenen zur Auswahl stehenden erkennen können, laufen wir einfach unseren Wanderweg weiter und siehe da, ohne Bergrücken zeichnet sich deutlich der Monte Rosa ab - 10 Minuten später ist das Massiv schon wieder hinter einem Wolkenband versteckt und wir freuen uns über unseren heutigen Erfolg. 
Der Aufstieg ist nun mitten in der Höhensonne steil und anstrengend, gesäumt ist der Weg von tiefvioletten Blaubeeren, die uns zur Rast überreden wollen, aber wir ziehen weiter bergauf. Auf dem Sattel angekommen, geht es kurz auf Blockfeldern bergab, bevor wir den letzten Aufstieg dieses Tages nehmen zum Colle della Gianna auf 2 525 m.

Die Wege sind schmal aber gut ausgeprägt und die Aussicht auf den Mon Viso belohnt die letzten Meter durch eine karge Gesteinswüste. eigentlich werden wir fast überrascht von seinem Anblick - so groß und erhaben haben wir ihn bisher gar nicht gesehen. Den König der Berge. Wolken tanzen um seinen Rücken und nur ein kleines Fenster haben wir um zu dritt zu posieren. Wir und der Berg. Dann sind es nur noch wir und die Wolken vor dem Berg.
Aber das Wetter ist gnädig mit uns. Der letzte anstrengende Aufstieg ist von einer Wolke gesäumt, die uns die sengende Sonne zumindest für diesen Abschnitt erspart. Wir sind dankbar, denn es weht hier auch kein Lüftchen.
Beim Aufstieg werden wir von Vater und Sohn überholt, die sich aber beeindruckt zeigen, als wir berichten, dass wir auf die GTA laufen und in Ghigo die Prali gestartet sind. Das stärkt immer die Moral - eben noch überholt von einem 70 jährigen, der uns für unsere Wandertour bewundert. Aber wir haben Gepäck dabei für 2 Wochen und lassen uns gern von sportlichen Rentnern überholen, denn die letzten Tage haben ihre Wirkung gezeigt: Wir sind fit. Der Aufstieg auf 2525m hat zwar angestrengt, aber wir sind auch schnell wieder erholt und springen am Colle herum, als wären wir gerade erst losgegangen. Auch unsere Zeiten verbessern sich. Es ist 11.30 Uhr als wir den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe erreichen unterbrochen von Fotostopps und zwei Esspausen zur Energieversorgung von mir.

Wir haben die Provinz Turin am Colle della Gianna hinter uns gelassen und laufen nun im Gebiet Cuneos weiter. Der Abstieg nun ist komplett in Sonne getankt, der Mon Viso begleitet jeden unserer Schritte, auch wenn er sich da schon längst wieder in Wolken gehüllt hat. Der Abstieg ist mühselig, weil es um die Mittagszeit schon so heiß ist, als wir an einer Kuhweide die Straßen entdecken, wähnen wir uns schon kurz vor dem Ziel, aber nun heißt es noch einmal 300 Höhenmeter bergab bis wir Pian Melze della Regina erreichen. Wir nehmen die Asphaltstraße streckenweise, die glüht und uns für diesen Tag den letzten Sonnenrest geben wird.

Am Pian della Regina ist die Hölle los - es ist Wochenende und die motorisierten Touristen sind vielzählig. Eine völlig neue Erfahrung soviel Menschen auf einmal nach der Einsamkeit unserer Wanderungen, wo wir selten andere Wanderer trafen. 
Wir ziehen uns in das schon fast luxuriöse Posto Tappa zurück und schlafen die Sonnenmüdigkeit weg. Abends wartet ein opulentes Mahl auf uns, da ist es schon wieder ganz still am Platz. Die meisten Besucher sind wieder abgereist, zurück bleiben die Dauercamper, die sich im Café über eine sehr laue Nacht und den Sternenhimmel freuen. 


Donnerstag, 10. August 2017

Tag 4: Tour vom Rifugio Willy Jervis zum Rifugio Barbara Lowrie (13km, 610m hoch und 680m runter)

12 Stunden arbeiten und 12 Stunden wandern - drunter machen wir es nicht...

Damit starte ich knurrend in die heutige Tour. Mir steckt die Wanderung von vorgestern noch in den Knochen, genauer in den Füßen und die Vorstellung, dass es heute wieder so eine Plackerei wird, löst nicht unbedingt Begeisterungsstürme aus, im Gegenteil schimpfend ziehe ich los. Sebastian kennt das schon. Irgendwann, wenn ich mich wieder eingelaufen habe, geht es dann immer und ich mache mit. Aber heute fällt es mir schwer. Dabei startet auch dieser Morgen strahlend im Val Pellice, kurz vor 8.00 Uhr haben wir alle Wassertanks beladen. Es soll uns nicht noch einmal passieren, dass wir beide am Berg heimlich die letzten Reserven voreinander verheimlichen und nicht trinken, damit es im Fall der Fälle der andere noch schafft. Heute also mit Picknick der Hütte und viel Wasser. Es wird ein heißer Tag werden, wie auch die letzten, so dass wir die Entscheidung nicht bereuen werden. Es warten 600 Höhenmeter auf uns - aber die einzigen heute und zwar auf einer entspannten Mulattiere, die sich den Berg entlang schlängelt. Die GTA-Route schlägt vor, sogenannte Abschneider zu nehmen, die sind uns aber zu steil und so steigen wir im Schatten des Colle Barant immer höher. Nach zwei Stunden erreichen wir den Giardano Botanico Peyronell, wo zwei Volunteers ihren Tagesdienst beginnen. Sie erzählen, dass sie jeweils eine Woche im Garten leben, bevor sie abgelöst werden. Jeder bringt sein Essen für eine Woche mit. Da bis Ende Juni der Garten mit Schnee bedeckt ist und nur im Juli und August die Blumen sprießen, ist es ein kurzer Dienst.
Der Garten wurde um 1900 gegründet von einem Botaniker und ist nicht künstlich angelegt, sondern bildet die natürliche alpine Flora ab - sie stecken einfach an den richtigen Stellem weiße Schildchen mit Namen in drei Sprachen dran. Sogar das sehr seltene fleischfressende Alpen-Fettkaut sehen wir, erkennen aber nicht ihre fleischfressende Ader. Auf den letzen Metern kämpfen wir uns den Berg hinauf. Ich habe schon wieder die Kohlenhydrate des Frühstücks verbrannt und falle ab, um kurz hinter dem Gioardano mit einem Caffe Latte und Schokokuchen mit spektakulärer Aussicht belohnt zu werden. Ein junger Hüttenwirt im Rifugio Barant spielt laut HipHop in seinem Gastraum, gegenüber davon zeigt sich der Mon Viso schon zum zweiten Mal. Das scheue Geschöpf wird umtanzt von Wolken, aber ganz verstecken kann er sich nicht. Es ist ein Jammer das Refugio Barant ist schon den 5 Sommer wieder auf, aber hartnäckig hält sich das Gerücht, dass sie geschlossen sind wegen Wasserproblemen. Unser Rother-Wanderführer ist von 2013 und die Blogs hatten wir nicht aufmerksam genug studiert. Denn hier aufzuwachen auf  dem Colle Barant mit seinen 2343 Metern gegenüber des Mon Viso stellen wir uns wunderbar vor.
Wir drehen ein Drohnenvideo für den Wirt, damit er es in einem seiner nächsten Musikvideos verwenden kann, verköstigen seinen selbgebrannten Thymianschnaps und ziehen dann in flimmernder Mittagshitze für den Rest des Tages bergab - auf der Mulattiere, in das Valone de La Gianna zum Rifugio Barbara Lowrie.
Das Rifugio ist umringt von Bergen und Wasserfällen, sanften, satten Wiesen, kleinen Bächen an denen sich Kälbchen und frei laufende Pferde tummeln. Diego am Berg meinte, es sei wie der Garten Eden. Und so ist es. Während ich hier im Garten Eden sitze und schreibe, grast einen braun gescheckte Kuh einen Meter von mir entfernt. Seit unserer letzten GTA Tour habe ich riesigen Respekt vor Kühen.

Ich bin immer noch davon überzeugt, dass sie mich attackierte, auch wenn sich am steilen Hang eventuell nur unsere Wege kreuzten, ich war sicher von ihr begraben zu werden, wenn sie auf mich stürzt. Ein hochalpine Kuh stürzt nicht, sagt Sebastian, aber ich war vor Panik kurz davor. Oh Gott, sie kommt näher. Sie grast quasi an meinen Füßen…
Immer wenn wir jetzt an Kühen vorbei kommen, bestätigt Sebastian meine Ängste: "Die machen gerade Pallawer, wer sich gleich auf dich draufschmeißen darf."
In diesem Sinne, eine wunderbare entspannte Tour auf der Grand Tour am Mon Viso. Morgen wird es wieder brutal. Keine Mullatiere weit und breit.

Dienstag, 8. August 2017

Tag 2 von Rifugio Lago Verde zu Rifugio Willy Jervis


Was für eine Plackerei, denke ich fast den ganzen Tag - angefangen von der kurzen Nacht und dem ersten Aufstieg des Tages, der uns 200 Höhenmeter auf den Col de Valpreveyre bringt, verfolgt von einer rennenden Rentnerwandergruppe, die an dem Morgen noch einen Gipfel in der Nähe besteigen will. Sie sind fit, sehr fit und treiben uns vor sich her. Am Col angekommen, tun mir so, als genießen wir die Aussicht und geben uns nicht die Blöße, dass sie uns jagten. Allen voran ein noch fitterer kurzbeiniger Mischling, der einige Kehren extra nimmt - zuvor von mir verspottet. Sein Besitzer erklärt uns, dass er schon mehrere Gipfel bestiegen hat, ein erfahrener Berghund. Unsere Wege trennen sich, wir steigen wieder ab. Sie ziehen singend und grölend bergauf.

Unser einziger Begleiter ab nun: Der Westwind aus Frankreich, das himmlische Kind, dass uns zwar die ganze Nacht am Schlafen abhielt. Denn der Wind fuhr so sehr ins Gebälk, dass ich mitten in der Nacht nachsah, ob sich eine Maus an den Vorräten vergeht. Aber so ist das schlechte Wetter von gestern fort und wir sehen sogar am Bivacco Spardi auf 2632 die Diva, die sich ganz selten zeigt.

Meist hinter Wolkenschwaden aus der Poebene versteckt. Der Mon Viso - der größte Berg der Cottischen Alpen mit 3841 m hoch und schon von den Römern mit eigenem Namen bedacht, ragt er wie eine Pyramide hervor und überragt alle Nachbarberge mit 500 Metern. Den ganzen Tag begleitet uns die schönste Sonne. Jede Wolkenbildung wird bis zum Abend hin vom Westwind einfach hinfort gepustet. Frieren wir Anfangs noch bei 2.800 m in seiner Brise, sind wir später dankbar über jede Böe, denn der Abstieg wird heiß und sehr lang. Aber zunächst genehmigen wir uns am Bivacco Spardi, was sich überraschend hinter einem Pass auftut ein Zuckerwasser. Sebastian von seiner Migräne gebeutelt fühlt sich zum ersten Mal an diesem Tag etwas besser und ich bekomme vom Hüttenwirt, wenn man das hier so sagen kann, die Gemsenfamilie am gegenüberliegenden Hang gezeigt. Zwei Kleine verstecken sich da im Grau des Bergs.
Nachdem ich meine Kamera habe liegen lassen, haben einige von uns einige extra Höhenmeter zu überwinden, aber ab nun geht es nur noch bergab. Die Tour wurde als mittelschwer angegeben, aber spätestens nach dem wir  fast 1500 abstiegen - die anderen 350 m Abstieg warten auf uns am Ende der Tour, sind wir platt und liegen fast eine Stunde im Schatten einer Fichte, bevor die letzte Herausforderung dieses Tages auf uns wartet.

Der Abstieg ist so schwer und lang, dass wir den Wasserfall, der neben uns herabstürzt ins Tal hinnehmen, die Schmetterlinge, die sich an feuchten Stellen in Scharen zusammenfinden und alle gemeinsam aufliegen, wenn wir vorbeistapfen - dass alles nehmen wir hin, rhythmisch schlängelnden wir uns den Berg hinab. Die Knie schmerzen schon bald der Kopf von der glühenden Sonne und Sebastian leidet still vor sich hin.

An der Alpe Crosenna auf 1650m ist es endlich geschafft, wir rasten. Zuvor hatte uns eine deutsche Familie erzählt, wie zäh der letzte Aufstieg werden würde. Wir dachten, dass das immer subjektiv sei, aber sie sollten recht behalten.  Aufstieg ist steil, zwar im Schatten, aber nach 9 Stunden wandern, geht uns dieser Aufstieg nicht mehr so leicht. An einer Stelle ist der Weg weggespült. Sebastian tastet sich vor, ich sehe ihn auf Gesteinsmehl rutschen und weiß, hier komme ich nicht allein durch. Zu groß die Angst hier am steilen Berg abzurutschen. Ich hyperventiliere kurz, bekomme meine Angst relativ schnell in den Griff und stapfe los.

Sebastian hat seinen Rucksack abgelegt und übernimmt für die Passage auch meinen. Ohne ihn wäre ich niemals dort hinauf gekommen. Und weiter gehen 400 Höhenmeter steil hinauf. Unsere Kräfte sind längst aufgebraucht. Jede neue Kehre am Hang denke ich, könnte die letzte sein, aber wir müssen noch Kilometer machen. Ich werde immer langsamer: und Sebastian schickt dem Rifugio eine Nachricht, dass wir zwar später kommen, aber gern noch essen wollen. Wir sind fast 11 Stunden unterwegs, als ich realisiere, dass ich mich jetzt zussammreissen muss, wenn wir noch im hellen ankommen wollen. auch wenn man nicht mehr kann vermeintlich, es geht doch immer noch was. Ich bin unterzuckert. Das geht auf die Moral, wie ich zu spät bemerke.
Mit einigen Nüsschen und den letzten Tropfen Wasser steigere ich mein Tempo. Kein Auge mehr für die Schönheit der Landschaft, für die aufsteigenden Wolken im Abendlicht. Selbst für Fotos bin ich zu geschafft. An einem Wasserfall ziehen wir Wasser und gestehen einander, dass wir die letzten Tropfen für den anderen aufgespart haben, falls man uns halb verdurstet gefunden hätte, so hätten wir noch Wasser gehabt. Aber auch das schaffen wir. Als an einer verwunschenen Lichtung, durch die Schafe kurz vor uns geführt wurden und das Gras wie ein englischer Rasen im Wald wirkt - wie im Grimms Märchen denke ich, wo sich ein Mädchen auf Moos bettet, bevor was auch immer passiert - blitzt das Rifugio Willy Jervis auf. Wir müssen nur noch absteigen. Langsam und hölzern kämpfen wir uns den Hang hinunter. Keine Geröllfelder wie uns von den Deutschen vorhergesagt worden waren zwar, aber nach nunmehr 12 Stunden sind unsere Füße platt, die Beine wackelig. Am nächsten Tag werden wir einen Ruhetag einlegen, um die Wunden zu heilen. Beide rechnen wir mit blauen Fußnägeln, aber auch die sind zäh, wir erholen uns alle schneller als gedacht.

Sonntag, 6. August 2017

"Monsieur Le Sac" auf Reisen - auf GTA 2017( Etappe 1: Ghigo di Prali - Rifugio Lago Verde)


Morgens 6:30 Uhr haben wir uns mühsam aus unseren Betten im Turiner Hotelzimmer geschält, um den Bus nach Ghigo di Prali zu nehmen, in diesem Moment glauben wir noch an einen Bus, aber wir müssen zweimal umsteigen, wie uns unser erster Busfahrer in Englisch erklärt. Überhaupt das Stereotyp mit Englisch nicht weit zu kommen, kann ich für diese norditalienische Gegend nicht bestätigen. a Aufgrund der Nähe zu Frankreich und der wanderfreudigen Franzosen wird diese Fremdsprache deutlich häufiger gesprochen, aber wir kommen überall sehr gut durch. Meist gelingt mit einem Lächeln und einer entschuldigen Geste sowieso alles. Wir steigen also zweimal in Pianorollo und Perosa um, bevor wir ca. 9.30 Uhr in Ghigo die Prali auf ca. 1450 m Höhe die erste Etappe abkürzen und mit dem Sessellift die ersten 1100 Höhenmeter unter uns wegfliegen, wir sind noch nicht eingelaufen und die Gepäckstücke drücken - wir haben nicht GTA-tauglich gepackt.

Sebastians Rucksack ist so groß, dass er allein Sessellift fährt immer beargwöhnt von uns, dass er nicht herunterkullert. Die Sessellift-Betreiber ächzen, während sie ihn auf den Lift wuchten und ich mache mir um Sebastians nächste Tage Sorgen. Aber wir kommen alle gut an. Noch hält das Wetter.

Auf den ersten Kilometern passieren wir drei der dreizehn Seen und eine alte Militärstation. Überhaupt hat die Nähe zu Frankreich zahlreiche Mulatteriere und Hütten zurückgelassen, die sich fürs Wandern wunderbar eignen. Wir steigen insgesamt 739 Meter hoch an wunderbaren Blumenwiesen und queren die letzten grauen Schneefelder, Nebelschwaden ziehen über uns hinweg und packen uns wie in Watte. Das Gebimmel der Kühe an den Hängen verschlucken sie fast vollständig.


Je höher wir steigen, desto ungemütlicher wird es: Der Nebel fängt immer wieder an, sich abzuregnen. Aber wir haben Glück, es regnet sich nicht ein. Während wir uns noch den letzten Anstieg hochquälen, überholt uns eine kleine sportliche Frau ohne Wasser und Gepäck - sie schwitzt nicht einmal und sieht aus, als wären die Höhenmeter ihr Sonntagsspaziergang. Später entpuppt sie sich als unsere Hüttenwirtin.

Kurz vorm Abstieg zur Hütte scheint sogar die Sonne und der Nebel bricht auf und zeigt eine wunderbare Berglandschaft um uns herum. Am Gran Guglia (2819 hoch) steigen wir ab zu Schutzhütte und Rifugio Lago Verde ab - insgesamt an diesem Tag 619 m. So hoch wie hier habe ich noch die genächtigt: 2538m.

Als wir ankommen, bricht ein Sturm los, der bis zum nächsten Morgen anhält und das gesamte Haus zum Knarzen bringt. Wir werden die ganze Nacht wach liegen.
Aber erst einmal ist der Hüttenraum mit dem Ofen gewärmt, die Oma schnipselt Gemüse, eine französisch-britische Familie kloppt lautstark Karten, die Tochter des Hauses hat kleine Sträuße von Bergblumen gebunden, das Essen ist gut und reichlich. Es ist wohlig warm, wir trinken Tee, um die kalte Dusche aus den Knochen zu kriegen und fallen früh in die Betten. Die erste Etappe auf unserer diesjährigen GTA-Tour ist geschafft.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Blog Reloaded - Start in die GTA 2017

Am 22. April 2013 schrieb ich meinen letzten Post. Lange her. Viel passiert. Vieles, dass sich nicht öffentlich bloggen lässt. Daher eine Reise muss her. Nicht in den geliebten und oft verklärten Osten zugegeben. Aber vielleicht ein kleines Abenteuer.
Denn Berge sind wieder aufgenommen ins Reise-Repertoire und so starten wir am Montag einen neuerlichen Versuch auf der GTA (Grande Traversata delle Alpi). Ein Stück verborgenes fast menschenleeres Alpen im südwestlichen Bogen zwischen der Schweiz, Italien und Frankreich. Unseren Hausstand auf dem Rücken oder was es für zwei Wochen braucht auf einer Langstreckenwanderung. Denn eigentlich geht es darum, so wenig wie möglich herumzutragen, wenn  1000 Höhenmeter hoch und wieder runter bewältigt werden wollen. Wir werden sehen. Ein kleines Abenteuer hoffentlich. Aber eines mit schönen Geschichten und Bildern. Ich freue mich, davon wieder zu erzählen.

Montag, 22. April 2013

Abenteuer - die geträumten

Manchmal kommt mir dieses Kiewer Leben wie ein großes Abenteuer vor aus vergangenen Zeiten, das ich eingetauscht habe gegen einen großen weißen Schreibtisch in einem übergroßen Büro in einer übersichtlichen Welt und einem erwachsenen Leben. Dabei drängte es mich genau um diese Zeit weg aus meinem Kiewer Abenteuer, weil sich das Gefühl verfestigte, die Abenteuer andernorts ohne mich erlebt werden - ich an diesem Ort verstaube, verstaube in einer verkrusteten unwirklichen postsowjetischen Welt, in der ich sowieso nicht ankomme und nun verkläre. Die Geschichten, das Geschriebene, das jeweils einen Ausschnitt darstellt und heute doch so repräsentativ für ein Abenteuer steht, das sich oft gar nicht anfühlte wie eines.
Nun der Staub lässt sich auch in Deutschland treffen. Ich bin es noch nicht satt, doch werden die Intervalle meiner Ausbrüche kürzer und die Träumerein in ein anderes Leben häufiger. Dabei bedient mein Chef meine Unrast, vielleicht ist es die eigene und ich darf daran teilhaben: Israel, USA und nun China. Und doch plane ich meinen Sommerurlaub fernab von Luxushotels mit Luxus-Ausblick in die Nacht: Nach Armenien soll es mich bringen und schon träume ich mich hinein in die Hitze eines Kaukasus-Sommers mit Wassermelonen, so weit das Auge reicht immer im Hintergrund den Blick auf den Berg der Berge: Ararat.
Wie kommst du auf Armenien, fragt mich einer. Ich habe davon gelesen. Einen Bericht eines Reisenden, den die Faszination dieses Berges nicht losließ und er ihn besteigen musste. Soweit geht es mit mir nicht. Berge meide ich seit Malaysia. Aber doch ist die Antwort auf die Frage, dass mich der Bericht berührte. Ist es der von Noah? Ich lache, ja genau dieser Berg - aber nicht der Bericht.
Auf neue Abenteuer also. Ein wenig heißt es noch träumen bis dahin.

Dienstag, 28. August 2012

Heldenpullover

"Das ist ein Scherz" sage ich, als er wieder in die Küche kommt mit einer neuen Ladung Erinnerungen und ukrainischem Bier.  Ernst schaut er mich an: "Jana! Ukrainische Seemänner machen keine Scherze". "Nein natürlich nicht. Herr Offizier" und stehe innerlich stramm. Aber dann lacht er mich an und öffnet eine neue Flasche.
Und während ich von Innen die Hitze dieser Sevastopoler Nacht mit Bier zu kühlen versuche, wärmt mich mein neuer Pullover außen. Tief unter der Barentssee hat er schon gedient. Im Atlantik und Mittelmeer. Nun, da hat ihn sein früherer Besitzer vielleicht eingetauscht gegen ein leichteres Modell. Mashas Papa, U-Boot Offizier der Russischen Flotte, dem ganzen Stolz der SU hat mir soeben einen seiner alten Marine-Pullover geschenkt und ich starre ihn völlig benommen an, während ich mir die Geschichten seiner Jugend, des Kalten Krieges auf den Weltmeeren anhöre. Das kann ich nicht annehmen. "Wer die Meere beherrscht, beherrscht die Welt. So ist das Jana. Natürlich nimmst du das an und wenn du nicht sofort aufhörst, schreibe ich noch 'Heldin der Sowjetunion darauf'". Gut ich bin überzeugt und ziehe nun mit meinem Heldenpullover aus der Heldenstadt durch deutsche Lande. Zu Land war er nämlich noch nicht so oft. Hoffentlich wird es bald kalt. Er ist nicht  für hiesige Temperaturen und Heldinnen gemacht.

Dienstag, 14. August 2012

aus der Übung

mit aller Macht will ich es. Will schreiben. Meine kleinen Erlebnisse festhalten und versuche mich nun in Stimmung zu bringen. Völlig übernächtigt machte ich mich heute auf ins Büro - als wäre es nicht schwer genug nach drei Wochen. Aber nein, ich dachte, je mehr meiner alten Geschichten ich lese, so leichter kommt das Schreiben über mich. Aber es kommt nicht. So lang ich auch hier sitzen mag. Schon den zweiten Abend in Folge.

Dabei gibt es so viele schöne Momente, die ich nicht vergessen will dieser kurzen Reise in die Ukraine. Die Reise nach den Spielen. Die mich immer etwas zwiespältig zurückließen, wenn ich beim Public Viewing saß. Was wird diese Europameisterschaft aus meiner Ukraine machen, dachte ich dann? Werde ich mich noch zurechtfinden, wenn ich wiederkomme? Ein letztes Reiseparadies ohne Massen an Rucksackreisenden, auf die sich alle einstellen, eigentlich verstellen. Egoistisch zugegeben. Nun so ist es. Eifersüchtig habe ich auf alle geblickt, die nun mein wunderschönes Kiew bestaunen. Gut, dass vielen dieses Schöne gar nicht aufgefallen ist. Zumindest den deutschen Journalisten, die nach Kiew fuhren, um in der Heimat exklusiv zu berichten. Nicht ein Artikel gab wieder, was die Ukraine ist. Kaum einer machte sich die Mühe, etwas tiefer zu blicken.
Es ist jedenfalls mein Reiseparadies geblieben. Die Massen sind Ende Juli längst abgereist und haben auch ohne, dass man es sieht, etwas zurückgelassen. Kiew lächelt, als ich ankomme: Die Frau im knappen schwarzen Minirock, die die Fahrkarten im Bus vom Flughafen an den Bahnhof verkauft,  erklärt todernst, dass sie das Informationsgespräch zu den Tarifen auch auf  Deutsch, Englisch und Französisch halten kann. Alles lacht. Jetzt lächelt auch sie. Ein ganzer Bus, der lacht, obwohl die Klimaanlage nicht funktioniert, einige stehen und rutschende Koffer an Knie vorbeischrammen. Alles Lacht. Das kannte ich so noch nicht. Keiner fragt nach Deutsch, Französisch - wie auch -  die, die es brauchen könnten, werden es nie erfahren, dass sie es kann. Sie sagt es auf Russisch.
Die Oma, die mich aufmunternd anlächelt, als ich mit großem Rucksack in der Metro ins Straucheln komme. Die kleine Verkäuferin, die mich lächelnd an ihre Kasse winkt. Das ist neu. Kiew lächelt und meint es gut mit mir und meiner Eifersucht. Sie ist unbegründet und ich schnell versöhnt mit meiner Schönen.

Sonntag, 19. Juni 2011

nach vier Wochen

irgendwie habe ich das Gefühl, die letzten Einträge nicht so stehen lassen zu können, warum nicht nutzen, dass meine Deutschland-Wiederkehr fast 4 Wochen zurück liegt. Aber was schreiben, wenn die Inspiration fehlt. Schreiben tue ich nun beruflich. Eine schlechte Ausrede, zugegeben. Denn mein erster Schreib-Auftrag ging erst gestern ein. Ich schreibe nicht einmal mehr Emails. Jede Zeile eine Fake, klingt nicht echt, nicht nach mir und dem, was ich denke, seitdem ich hier bin. Aber was ist es denn, das ich denke? Ist das Teil des Ankommens?
Kiew ist so fern und doch beherrscht es mich immer noch. Ich bringe Mittagsrunden immer noch zum Schweigen mit meinen Maschrutka-Reiseanekdoten, belausche russische Gespräche im Zug und fühle mich wie ein heimlicher Verbündeter, nutze nur unter Protest andere Kaffeetassen als meine Matrjoschka-Motive, heute beim Thai dachte ich kurz der Hühnerspieß könnte es mit einem Schachlik aufnehmen. Aber es ist vorbei.
Ich habe mich eingerichtet und damit kam mir der Sinn, nein eher das Gefühl fürs Schreiben abhanden. Dabei ist es nicht so, dass es keine Geschichten gäbe in dem Mikrokosmos Jena, der zwei Jahre auf mich gewartet zu haben scheint. Manche sind dicker, andere haben Kinder, aber vielleicht war auch das schon immer so.
Den Schock darüber habe ich überwunden. Und vielleicht hat es mir die kleinen skurrilen Begebenheiten, die mir in Kiew eine Geschichte wert gewesen wären, näher gebracht, als sie es je waren. Da ist zum Beispiel Rolf: Er kam irgendwann Mitte der 80er Jahr ins Damenviertel, fand keinen Platz in der Kneipe, die heute seine ist. Musste eingeführt werden, wie in einer Freimaurerloge, ohne Leumund ging nichts in der Wartburg einer grauen Vorzeit, in der die Stammtische, die Bekanntschaft alles waren, die Bedienung ukrainischen Regeln folgte, vielleicht fühle ich mich deshalb so wohl [...] Dabei kommt er mir vor, als sei er hier geboren. Als haben Generationen von Rolfs hinter dem Tresen gestanden, der auch vor 30 Jahren nicht anders war. Es gibt keine Karte, sie steckt in Form kleiner Kärtchen, liebevoll mit der Hand geschrieben, neben Rolf, es gibt Stammgäste, sie duzen Rolf. Manche kommen jeden Abend, der Taxifahrer, der immer ein Wasser und einen Saft an seinen Tisch gestellt bekommt, jeden Abend das gleiche Ritual. Dort darf niemand sitzen, wenn der Fahrer kommt.
Ich bin Teil dieses Rituals geworden, bestelle erst ein Radler und irgendwann am Abend schauen wir einander verschwörerisch an und nicken: Eine Runde Eierlikör. Es gibt kaum ein schrulligeres Getränk, nur in Schokobecher versteht sich, es passt nirgendwo besser hin, als in dieses Lokal, das einen Geist atmet, wie es einst gewesen sein muss, in diesem Viertel, bevor die Immobilienspekulanten den Wohnraum modernisierten, der seinem sicheren Verfall preisgegeben war. Verfall [...]
Eine Freundin aus Kiew schrieb kürzlich, sie muss für ihren Forschungsaufenthalt in den USA alle Impfungen nachweisen und diese nun peu à peu nachholen, da ihre Dokumente darüber fehlen. Ein Aufwand, ein so großer Aufwand, dass ihr die Schwester vorschlug die Papiere doch ganz einfach zu fälschen. Sie fragt sich bei dieser Anekdote erneut, wie es um die Zukunft ihres Landes in Europa bestellt ist und ich muss schallend lachen. Vor vier Wochen hätte ich noch mit dem Kopf geschüttelt. Nun lache ich. Fortschreitende Verblödung das Ankommen, das alles Vergangene im guten Licht zurücklässt. Sogar den Betrug. Ein Selbstbetrug versteht sich.

Donnerstag, 26. Mai 2011

lost

Ich hätte nie gedacht, dass es mich so erwischt. Alle geben sich die größte Mühe. Nur ich nicht. Ich bin fern so fern in meinen Gedanken. Meine Welt ist nicht hier. In Gedanken entsteige ich einer schwülen, satt-getränkten Metro, nehme den rechten Ausgang mit der Rolltreppe und wundere mich noch immer über das Schild, dass keine Weihnachtsbäume auf der Treppe erlaubt sind; laufe an der kleinen Oma vorbei, die immer hinter mir her ruft, weil ich ihre welken drei Kräuter genauer betrachten soll, hinaus auf den Kontraktova. An den Kiosken vorbei, der staubigen warmen Luft, die immer nach Autoabgasen riecht, im Hintergrund spielt wieder jemand "Kino"-Songs, weiche dem Verkehr wie den Straßenschäden aus. Das ist mein Nachhauseweg. Nachhause. Nie hätte ich gedacht, dass es mich so erwischt. Aber Jena ist mir nicht nur fremd, es ist mir zuwider. Wie ein zu enger Schuh, der kneift und jeder Schritt daran erinnert. So lief ich altbekannte und doch neue Wege. Alle geben sich Mühe. Nur ich nicht. Vielleicht morgen.

Montag, 23. Mai 2011

Auf Wiedersehen in Kiew

So nun ist es soweit. Der vorerst letzte Eintrag aus meiner Kiewer Fensterbank, wo mein Apple und ich stehen, da das Netz nicht weiter in das Zimmer hineinreicht. Vorerst schreibe ich. Vorerst denke ich. Zwei Jahre sind zu lang um darüber nachzudenken, dass es das letzte Mal sein könnte. Vorerst also. Abschied ist komisch. Taub fühlt er sich an. Verloren sehe ich aus, sagte eine Studentin auf meiner Party. Verloren. Ja, vielleicht fühlt er sich auch ein bißchen verloren an.

So lang hab ich auf den Moment gewartet, in etwas Neues zu fahren, zu starten. Nun fällt er so schwer dieser Moment.

Nun ja, sagen wir also Auf Wiedersehen. Auf ein Wiedersehen in Kiew.

Jana

Dienstag, 10. Mai 2011

сентиментальная Яна

Es ist also so weit. Ich bin offiziell sentimental. Was bleibt da noch hinzuzufügen. Wenig. Heute in zwei Wochen, ist das Abenteuer Ukraine abgeschlossen.

Gestern als ich ein Mädchen wieder traf, die mir im ersten Jahr sehr ans Herz gewachsen war und mir irgendwie abhanden gekommen war im zweiten; sie mir gestand, dass sie sehen wollte, was sich verändert hat, wie ich mich verändert habe, war ich überrascht, welches Bild ich abgab. Als sie mich kennenlernte, sah sie einen Menschen, der ganz instinktiv erst einmal handelte wie im großen Abenteuer und dann darüber nachdachte, welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. Nun ist es anders, ich wäge ab, erwachsender komme ich ihr vor. Erwachsener also. Ja vielleicht ist das so, wäre mir auch in Deutschland vielleicht passiert. Musste ich dafür in die Ukraine gehen? Das Land, mit dem ich vor allem eins verbinde: starke Emotionen. Halb geht nicht, die Skala rauf und wieder runter, im ständigen Wechsel, ein dazwischen, ein stoisches Annehmen gibt es nicht. Kann man zwei Jahre wirklich so simpel zusammenfassen? [...] In gebrochenem Englisch erklärt mir eine Andere, dass sie nach Kanada auswandern will, weil das Leben in der Ukraine gut, aber dort besser ist. Auch wenn sie hoffe, dass der Wohlstand eines Tages in die Ukraine schwappen wird, sucht sie ihr Glück lieber gleich weit weg, bevor sie sich hier verliebt und heiratet und dann nicht mehr geht. Ich bin immer noch ratlos, was ich in solchen Gesprächen erwidern soll. Wenn ich mich ärgerte, war ich froh auf Zeit zu spielen. Das trifft es im doppelten Sinne. Ich spiele für eine gewisse Zeit und auf Zeit, weil die Rückkehr eingebaut ist. Ich kann immer gehen. Für mich sind die Grenzen immer die offenen, die das Abenteuer so lustvoll machen, denn der heimische Pass verspricht Sicherheit.
Aber bin ich hier je angekommen? Ich spreche immer noch gebrochen Russisch, Ukrainisch 5 Worte. Am liebsten vermeide ich Situationen, in denen ich es anwenden muss. Wie kann man so ankommen in einer Gesellschaft? [...] Als gestern ein junges Mädchen in der Metro einem Veteranen den Platz verweigerte und die Dame neben mir in mir eine stille Verbündete zu sehen glaubte, nickte ich unbeholfen, verstand ihren Ärger auch ohne große Worte. Aber ein lauter Zuspruch wäre schöner gewesen selbstverständlich. In solchen Momenten ist der Ärger groß über mich, über meine Zier, über meine Faulheit, meine Feigheit und nicht über das Land, dessen Reiz mir aus eigener Dummheit in seiner Gänze verschlossen bleibt.

Sonntag, 8. Mai 2011

eine Kaffeefahrt nach Transnistrien

gibt es nicht, wäre aber eine Überlegung wert. Denn nichts aber auch gar nichts kam mir auf unserer Reise beschaulicher vor als Tiraspol, die Hauptstadt eines Fleckens Erde, der sich nach blutigem und zähen Krieg Anfang der 1990er Jahre vom gerade unabhängig gewordenen Moldawien abspaltete. Die Приднестровская Молдавская Республика (Transnistrische Moldauische Republik), wie sie offiziell heißt, wird von keinem Land der Erde als unabhängiger Staat anerkannt, ist mini und schlängelt sich an der ukrainisch-moldauischen Grenze den Dnister entlang.

Das Land mit hohem Skurrilitätsfaktor: das Wappen mit Hammer und Sichel ausgestattet, ehrt noch immer Helden der Arbeit im Jahr 2010, führte 1994 den Rubel als Währung ein und unterhält enge Beziehungen zur Russischen Föderation, wie unschwer an den großen Plakaten mit Putin und Medwedew zu erkennen ist, die die proper gepflegten Prachtstraßen säumen. Die Tennis- und Fussballclubs, Supermärkte und Telefonanbieter tragen symbolträchtig nur einen einzigen Namen: Sheriff. Wem Sheriff gehört ist unklar, dem Sohn des Präsidenten wird gemunkelt, der auch die über alle Grenzen bekannte Cognac-Fabrik "Kvint" führt. Ein Meisterstück postsowjetischer Privatisierung von ehemaligen Staatseigentum eben.

Angepriesen als die letzte sozialistische Bastion der ehemaligen Sowjetunion fuhren wir pünktlich zum 1. Mai nach Tiraspol in heller Aufregung einer Parade. Und auch hier fand das Abenteuer vorrangig in meinem Kopf statt, denn nicht mal rote Nelken weit und breit. Nichts außer ein paar belgischer Touristen, mit der gleichen Idee gestrandet im einzigen Hotel der Stadt fassungslos ohne Klobrille und durchsichtigen Toilettenpapier zu sein, berichteten sie von ihren Osteuropa-Erfahrungen, die wir - erfahren wie wir sind - müde manchmal etwas arrogant belächelten, manchmal schallend. Sie hatten es immerhin ohne eine einzige Vokabel Russisch dorthin geschafft, eine wirkliche Leistung zugegeben und schienen sich auch nicht daran zu stören, dass der Kurs mit dem die Kellnerinnen ihre Euros mit zunehmender Stunde und Wodkakonzentration in Rubel umtauschten, immer schlechter für sie ausfiel.

Nach dem wir die Prachtstraße einmal hoch und einmal wieder am "Haus des Sowjets" herunter flaniert waren nicht unbemerkt von Eisverkäuferinnen, war der Entdeckerdrang gestillt. Selten hatte ich ein Abenteuer, das so sehr nach biederem Blümchenkaffee roch.

Samstag, 7. Mai 2011

Kopfkino

das meiste spielt sich in meinem Kopf ab. Das war schon immer so. Je größer die Erwartungen und gemalten Bilder in meinem Kopf, desto größer die Ernüchterung, desto entschiedener meine Standpunkte, von denen ich nur schwer wieder abrücke. Die durchdachte Bekanntschaft zu meinem ukrainischen Schauspieler aus der Provinz hat so genauso wenig Chancen, ist abgehakt, bevor sie überhaupt begonnen hat, wie das beschauliche Moldawien, das ich mir in den buntesten Farben, in den schauerlichsten Gangstergeschichten malte, dass alles was kam, nur enttäuschen konnte.
Dabei liegt das nicht an Moldawien, das enttäuschte, sondern einzig an mir, an meinem Kopfkino.

Noch nie zuvor hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich eigentlich noch alles im Leben erreichen wollte, bis ich die winzige Maschine der Moldovan Airline nach Chisinau bestieg, die so klein war, dass den Reisenden selbst das Handgepäck abgenommen wurde, da es keine Verstaumöglichkeiten gab. Eingeklemmt in seine Fahrerkabine schaute uns der Kapitän an, der wirkte als müsse er den Kopf einziehen. Aber selbst diese Erfahrung entpuppte sich als harmlos.
Plötzlich, so dachte ich, verstanden zu haben, warum mich alle Ukrainer so entgeistert anguckten, als ich von meinem Reiseziel berichtete. "Was willst du da" war die zweithäufigste Frage nach "was gibt es dort?", immer schön den Osten weiter verschieben. Dabei ist Moldawien geographisch westlicher, was aber nicht davon abhält, den kleinen Nachbarn abzuwerten.

Unter uns im Schein der Abendsonne lagen viele kleine Quadrate mit unterschiedlicher Färbung, die auf unterschiedliche Nutzung hindeuteten, akkurat gezogene Winkel auf viel Liebe oder Pragmatismus: Es schien, als sei kein Flecken Erde ungenutzt. Als ich während der Reise durchs Land das ein oder andere Mal alte Leute den Karren ziehen sah statt ihrer Pferde, die ausgemergelt am Rand standen, wusste ich warum. Moldawien ist ein Agrarland, auch wegen der Not und Alternativlosigkeit. Aber kann man es seinen Bewohnern abgesehen von abgetragener Kleidung ansehen? Ich würde sagen: nein. Die Menschen lachen wie andernorts, flanieren und freuen sich an der Frühlingssonne. Und das ein gesamter Bus Anteil daran nimmt, ob ich die richtige Haltestelle in Chisinau finde und meinen Schuh sucht, den ich bei einer Umräumaktion bei beschränktem Platz verlor,  habe ich so in Kiew noch nicht erlebt und hat schön aufgeräumt in meinem Kopf.

Schluss mit Abschied

mir geht dieser ständige Foto-Abschiedsmarathon auf den Keks. Zumal meine letzte Reiserei nach Moldawien den Druck erhöht hat, ständig Fotos nachzulegen. Aus diesem Grund höre ich offiziell auf, mich zwanghaft zu verabschieden und schreibe lieber wieder Geschichten über meine letzten Erlebnisse, die sich zwar für meinen Geschmack ziemlich unspektakulär ausgingen. Aber eine Reise in ein Land, von dem mir alle Ukrainer abrieten, geschweige denn ins sowjetische Vorzeigeland Transnistrien, das nach der internationalen Staatengemeinschaft gar kein Land darstellt und doch ganz real eigene Grenzkontrollen durchführt, eine eigene Miliz und Währung hat, sind einen Blogeintrag wert.

In diesem Sinne, die letzten zwei Wochen sind eingeläutet
Jana

Samstag, 30. April 2011

Russischer Rock am Kontraktova (24)

zugegeben der junge Mann fiedelt, aber die Rockmusik beginnt spät - natürlich spät. Wenn alle Blitze versagen vor dem Geschunkel der Massen, der Flaschengeklirr am Skorovoda Denkmal und man leise mitsummt, weil da diese kleine Textunsicherheit nicht zu verbergen ist.

Freitag, 29. April 2011

Elitni (25)

alles ist in diesem Land Elitni, Elit Taxi, Elitni Klub und Restaurants sogar die Butter.

Donnerstag, 28. April 2011

Georgisches Essen (26)

eigentlich waren es immer nur Sakuski, aber ich werde dort hinfahren eines Tages und ich werde essen und essen und essen.