Dienstag, 1. Juni 2010

Kornblumenkiew

Da schaut man drei Sekunden zu lang dem kleinen Mädchen zu, das gerade drei Sträuße tiefen Blaus an den Mann bringen will und der sieht es auch, wie ich so schau und schon ist er, der Strauß in meiner Hand. Schon längst vorbeigezogen an der Gruppe, halbversunken meinen Kollegen zuhörend, und vielleicht einen Moment zu lang gelächelt, habe ich ihn bereits in der Hand. Für die Dewuschka ein Strauß Kornblumen.

Das ist Kiew, das ist Ukraine, einmal zu lang gelächelt und schwupps die Müdigkeit des ganzen Tages vergessend, diese kleinen Momente, die einen erhöhen können genauso wie sie einen herunterholen. Doch heute Abend das Hochgefühl des Abends. Und schon fühlt sich die Entscheidung besser an: Ich bleibe nämlich

Sonntag, 30. Mai 2010

Mein Kabinett der Skurrilitäten

Irgendwann bewegt man sich in einer Stadt, als erwarte man nichts Unerwartetes mehr und schon bleibt sie Zuhaus, die sonst so lästige Kamera, die einen in Momenten wie heute Abend schmerzlich fehlt. Aber was hätte ich da gezeigt: ein Kiew, das von meinem Retro-Eindruck, mit seinen rostenden Autos und ihren Besitzern aus den 70ern, seinen Kopftuchtragenden Babuschki und streunenden Kötern, das ich vermittele, vielleicht so gar nicht existiert, sondern nur in meinem Kabinett der osteuropäischen Skurrilitäten.

Denn das Kiew von heute Abend, war ein Sammelsurium schöner junger Menschen, dass man auch in Berlin Warschauer Straße oder am Kottbusser Tor findet. Heute Abend strahlte jeder um die Wette noch dollerer Individualität, auch wenn die Quote der "RayBan" Träger überdurchschnittlich hoch war. Die Uniformen von heute sind eben andere.
Da taucht man mit silberner Plastikmaschinenpistole und Lederpeitsche auf, weil der Veranstalter ausdrücklich gebeten hat auf Waffen zu verzichten um britischen Bands unter Sternenhimmel zu lauschen, nur selten unterbrochen vom Geläut, das aus dem Klosterkomplex von neben an hinüberläutet. Löcher im Boden von Ausstellungsräumen werden da schlichtweg in die Installationen eingebaut und werten so zum Teil eher tröge Bilder auf. Künstlerinnen verkaufen ihren Haarschmuck an verrückte Neureiche und Westlerinnen, die sich später am Abend zuhaus vorm Spiegel fragen, wann soll ich dieses Teil je tragen?[...]

Plötzlich erscheint Kiew in einem anderen Licht. Schön, dass es eben auch zum Ankommen gehört, mehrdimensional zu sehen und nicht immer den eigenen Stereotypen im Kopf hinterherzurennen.
Und so reihte ich mich ein an diesem Abend mit meinem RayBan Verschnitt, an dem es hieß "I love Kiev" um mir später am Abend vor meinem Spiegel die Frage zu stellen: Wann soll ich dieses Teil je tragen?

Freitag, 28. Mai 2010

Eine Stadt feiert sich selbst











und ich geh nicht hin. Warum? Weil es mich stresst zwischen schon am Nachmittag völlig betrunkenem Volk zu stehen, das sich beschallen lässt von überdimensionierten Bässen und Werbeständen für Mobiltelefone und Exportbier, das in einem Meer von Scherben ekstatisch tanzt, trotz offenem Alkoholverbot auf den Strassen. Nun Glas klirrt auch in Papierbeutelchen.

Waren Sie beim Kiew Fest? Ja, nun ja, als ich mich im Supermarkt an den Bierkäufern vorbeipresste vielleicht ein wenig; als mich das Taxi direkt um die Massenveranstaltungen vorbeifuhr vielleicht auch etwas. Nein, eigentlich war ich es nicht und vermisste das klassische Wochenende in Podol, wenn der wöchentliche Dauerstau abflaut und einen wieder atmen lässt, zur Zeit Lindenluft, aber eben nur am Wochenende, wenn das Tal am Fluss wieder Luft bekommt. Stattdessen schien ich die Einzige zu sein, die den Stadtteil freiwillig verließ in fernere Gegenden, während der Rest der Stadt zu den eilig aufgebauten Bühnen strebte.[...]

Wie Diven fühlten wir uns in diesem lauen Freitag bei der Fahrt durch die Kiewer Nacht, wenn jeder zweite Blick in das gegenüber im Stau stehende Auto ein kurzer Flirt wird, vorbei an den angestrahlten Denkmälern der Stadt, während unser Fahrer vor sich hinmüffelt mit ukrainischen Diskorhythmen im Anschlag, um für drei Lieder zu Balkanklängen zu tanzen und schon wieder im Taxi zu verschwinden zum nächsten Ort - so feiern wir uns selbst, etwas Wehmut immer im Gepäck mit dabei in diesem beginnenden Sommer.

Mittwoch, 26. Mai 2010

SCHREIBSTREIK


hiermit beschlossen und veröffentlicht! Ich verweigere das Schreiben bis zum ersten Kommentar! So geht das wirklich nicht weiter, mich erst zum Schreiben anstiften und dann den Diskurs verweigern, damit ist ab heute Nacht Schluss! Jawohl, ich trete in Schreibstreik!

J. in Streik!

Montag, 24. Mai 2010

Ein Gespenst geht um namens Melancholie

Mit den Besuchen aus Deutschland, die mir das merkwürdige Gefühl vermitteln, ich würde hier meine Stadt präsentieren und vielleicht ist sie das auch nach neun Monaten ein ganz klein wenig, kam sie klamm heimlich mitangereist.
Wenn ich an der alten Babuschka vorbeiziehe, die tageintagaus mit ihrer vielköpfigen muffelnden Hundebande am Fuße des Andreasstieg hockt und um Almosen bittet, komme ich mir vor, als begegne ich einer alten Bekannten. Vorbei an den Ständen mit Ukraine-Nippes, Weltkriegsaccesoires und häkelnden alten Damen, die bei Wind und Wetter ihre Ware feilbieten; immer den Blick auf den Boden gerichtet, um nicht in einem der großen Schlaglöcher zu versinken, vorbei an meinem gelben Lieblingsladakombi, dann kann ich mir kaum vorstellen, hier irgendwann nicht mehr vorbeizulaufen. Noch vertage ich den Kauf von Erinnerungsstücken und Mitbringseln immer wieder nach hinten, denn die liebe Zeit ist ja noch so lang! Aber ist sie es?

Um mich herum ist Aufbruch, ob es auch einer für mich wird, habe ich noch immer nicht entschieden. Irgendwann denke ich, werde ich es wissen, einfach so und es wird das richtige Gefühl und die dazugehörige Entscheidung sein. Hierfür sind es noch genau vier Wochen und das Verschieben von Gastgeschenken, des Besuchs im Bulgakov Museum, im Museum für zeitgenössische russische Kunst und des riesigen Buchmarktes in Petrivka zeigen wohl eine Tendenz an. Wenn ich auf dem Markt in strahlend goldene Zähne blicke, die mir noch mehr Äpfel, Sonnenblumenkerne oder Petersilie verkaufen wollen; wenn ich von der Kioskbesitzerin lachend auf meine schlechte Betonung hingewiesen werde, oder mal wieder zu schnell durch die Metrotore schlüpfen will und die Schranken krachend vor mir einrasten; wenn ich in erstaunte Gesichter neben mir blicke, weil ich die Rolltreppe laufend genauso schnell nach oben strebe wie meine rollenden Nachbarn; wenn ich die alte aber adrette Opernsängerin an der Maydan-Unterführung ihre ernsthaften Lieder trällern höre mit einem Plastikbecher vor sich aufgebaut; dann habe ich das Gefühl, noch mehr Zeit zu brauchen, um das hier alles besser zu verstehen, dieses Land, die Leute und ihre Regeln. Mehr Zeit um mich zu wehren gegen die Kommandantka meines Gästehauses, wenn sie mich wieder einmal mit Missachtung straft, gegen die Wachen, die noch nie im Leben eine andere Sprache erlernt haben und nicht ahnen können, wie schwer es fällt, über die fünf auswendig gelernten Sätze hinaus ein Gespräch aufrechtzuerhalten, wenn doch das Gefühl für diese Sprache sich so langsam einstellt. Mehr Zeit um mich mehr um mich und die neuen Freunde zu kümmern.

Mindestens fünf Jahre muss man für diese Stadt arbeiten, wurde mir kürzlich berichtet, bevor sich die Anstrengungen auszahlen und die Stadt für einen arbeitet. Ich denke nicht, dass ich soviel Zeit brauche und ob diese Regel auch für mich als Ausländerin gilt, die trotzallem in ihrer Luftblase von Ausländerbekanntschaften und Zentrumsquartier und deutschen Presseschau lebt, nun ja wir werden sehen.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Eintagsfliegen

Nun bei einer Postsammlung von drei Einträgen kann man bereits von einer Kontinuität und Etabliertheit eines Blogs sprechen, wurden meine Geschichten gestern analysiert ... gut, dann erhöhen wir hiermit die Quote.
Meine Reiseflut wurde von einer Besuchsflut abgelöst, meine eintägige Pause nutze ich nun und schreibe. Ich bin überrascht, wie sehr "meine Augen" sich an die Ukraine gewöhnt haben, dass ich über die Beobachtungen meiner Gäste, über die kleinen Unterschiede zum eigenen Land ganz erstaunt bin und mich dann erinnere, dass es mir vor fast 9 Monaten ähnlich ging, es aber nun so sehr zu meinem Alltag gehört, dass ich darüber nicht mehr überrascht bin.
Ich habe gar kleine Angewohnheiten übernommen, Semitschki (gegrillte Sonnenblumenkerne mit Spelzen drumherum, mit denen man eine riesen Schweinerei im öffentlichen Parkbankbild veranstalten kann) esse ich seit neuestem am liebsten auf der Parkbank. Warten wir ab, wann ich beginne auch HUGO BOSS - kürzlich entdeckte ich auch eine HUGO BOOS Tüte - Plastiktüten zu erstehen, um mit meinen 7 Sachen durch die Strassen zu ziehen.
Diese Taschen sind für mich ein osteuropäisches Phänomen (ich dachte lange Zeit es wäre ein genuin ukrainisches, sie wurden aber auch in Russland gesichtet), denn man sieht mindestens drei davon am Tag, an Bahnhöfen Tendenz steigend. Nun also ein osteuropäisches Phänomen: Häufig sind Damentaschen hier so unpraktikabel klein, dass die alltäglichen Dinge anderweitig transportiert werden müssen. Hierzu gibt es in den unterirdischen legendären Metrokaufhäusern, die ein Eigeneleben führen, aber dazu ein andermal mehr, eigene Verkaufsstände, die sich auf diese Reichtum und Prestige versprechenden Taschen spezialisiert haben. Ein Stand an dem es Plastiktüten zu kaufen gibt. Schon für diese kleinen Eigenheiten lohnt sich ein Besuch, leider nicht bei mir - bin bis Ende Juni ausgebucht.

Samstag, 8. Mai 2010

Zwei Rubel für ein Bier (Krim II)

„Haben Sie zwei Rubel“ fragt die Kioskbesitzerin, als Sie mir das Wechselgeld fürs Bier herausgibt, mein entgeisterter Blick entgeht ihr. Schob ich es das letzte Mal noch auf mein schlechtes Russisch, bin ich dieses Mal ganz sicher: Sie fragt nach Rubeln und nicht nach Hriwna der ukrainischen Währung, die auch in Sevastopol gängiges Zahlungsmittel ist. Diese kleine Begegnung ist nur Ausdruck eines Gefühls, das einen die ganze Zeit auf der Krim beschleicht, schon beim Besteigen des Zuges nach Sevastopol beginnt und sich bei jeder neuen Runde der Sevastopol Hymne verstärkt, die Krim mag vieles sein, dass sie auch ukrainisch ist, lässt sich 20 Stunden Zugfahrt fern von Kiew nur noch schwer vorstellen.

Während in Kiew die Oppositionsparteien glauben machen wollen, eine neue Protestbewegung ins Leben rufen zu können, die sie und das Land eint, um eigentlich neue Gräben aufzumachen, bereitet sich Sevastopol auf die kommende Urlaubssaison und die Parade zum 9. Mai, dem 65. Jahrestag des Sieges des Großen Vaterländischen Krieges vor. Denn die Hafenstadt mit stalinistischer Prachtstraße in weiß ist eine Heldenstadt, mit Stalingrad und Moskau wird sie genannt. Überall hängen Plakate an diesem ersten Maiwochenende, an dem es uns auf die Krim zieht. Die Siegesschleife orange-schwarz gestreift schmückt schon seit Wochen Damentaschen, Rückspiegel und Autotüren. Aber dass Tausende vor Kiews Parlament demonstrieren, dass es zu Ausschreitungen kommt, im Parlament Eier und Rauchbomben fliegen wegen der Flotte und der Stadt, davon merkt man hier nichts, wo es nur einmal Ärger gibt, als ich zu leger die Füße auf einer frisch gestrichenen Museumsbank ablege.[…]

Es ist eine stolze Stadt, mehrfach begegnen wir Sevastopolern, die uns musikalisch unterstützt durch die Hintergrundmelodie ihres Handys den Sevastopol-Walzer schmettern, singen träfe es nicht, nein sie schmettern ihn in einer Leidenschaft, die mich peinlich darin erinnern lässt, wie im letzten Jahr ein ukrainischer Alumni die Hymne „in Jene lebt sichs bene“ anstimmte und keiner der 20 Anwesenden einstimmen konnte, alles Jenaer und Jenenser ihres Zeichens. Sogar die Promenaden-Band wird für uns engagiert um den gerade erst gewonnenen deutschen Freunden die Hymne vorzutragen.[…]

Überall sieht man Matrosen, zum abendlichen Promenieren gestatten sie sich ein Eis, bevor sie in Reih und Glied in die Kaserne abmarschieren und sehnsüchtig den Mädchen am Kai nachsehen. Aber militärisch durchorganisiert ist an diesem Wochenende nur die Schlössertour an der Südküste Krims mit Fotostopp und geführtem Toilettenbesuch. Die Schönheit des englischen und französischen Stils bleibt mir Barbarin verborgen, dass ich den Stuck und Sonnenhof im Schloss nicht zu wertschätzen weiß, an der die Neuaufteilung der Welt nach dem 2. Weltkrieg stattfand, nimmt unsere Führerin gekränkt hin. Wir sind sicher nicht die ersten unkultivierten Ausländer, die lieber historische Fakten als Legenden der Zarenfamilie hörten und das possieren am Treppengeländer oder neben Stalins Unterschrift dankend ablehnen. […]
„Wo arbeiten Sie“, werde ich gefragt, „an der Kiew Mohyla Akademie?- Alles Propaganda dort“, dass die eigene Argumentation über die Abstammung der Slawen nicht ganz astrein ist, stört nicht, es geht auch nicht darum in ein Gespräch zu kommen, Argumente auszutauschen und sich für anderen Ansichten zu interessieren, eher wird die eigene Meinung lautstark vertreten. Sie soll provozieren, tut sie aber nicht, denn ich stehe diesem innernationalen Konflikt emotionslos gegenüber und so verlaufen die Provokationen zur Abspaltung der Krim ins Leere, zur These der mordenden Ukrainer an der polnischen Bevölkerung im zweiten Weltkrieg oder Unkultiviertheit der ukrainischen Sprache, ganz zu schweigen vom ukrainischen Ursprungsland, das ein Minimum des heutigen Territoriums sei.

Der Versuch diesen Gesprächen zu entkommen, ist schwierig. Alle wollen den deutschen Gästen ihre Sicht der Dinge auf Kiew und die Weltpolitik, mindestens die russisch-ukrainischen Beziehungen an diesem sonnigen Montag, an der Bucht im traumhaften Balaklawa preisgeben, der mit Schaschlik und Sonnenbad so geschichtslos friedlich sein könnte.[…]

Freitag, 7. Mai 2010

Zwei Rubel für ein Bier (Krim I)


Als ich gerade noch durch die Nacht schlich zu Sophia, um die Wachen meines Gästehauses nicht zu wecken morgen in aller Frühe, wenn mein Flieger Richtung Deutschland geht, roch ich es, was mir alle prophezeit hatten: den Mai in Kiew. An jeder Ecke blüht der Flieder, die Kastanienblüten kleben an den Sohlen fest und Schwalben ziehen zirpend ihre Runden über den Unihof. Er ist da; der Frühling und heißt hier eigentlich Sommer, so warm sind die Abende, voll und wabernd, mit Straßenmusik und Straßenbier, ohne deutschen Dauerregen und Kalte Sophia und wie sie alle heißen diese Kaltwetterperioden. […] Nur mit der Kiewer Luft kam auch mein Räuspern wieder, das seit Czernowitz mein ständiger Begleiter ist und ich eigentlich hoffte auf der Krim zu lassen.

Ja, die Krim - Ausgangspunkt meiner neuen Geschichte - die Massenaufläufe dieser Tage produziert, wie sie in der Ukraine sonst nur noch zu kostenlosen Popkonzerten oder Dynamospielen möglich sind. Die Bilder der Verhovna Rada getaucht in Eigelb sind um die Welt gegangen, während sich in Sevastopol kein Mensch um die Aufregung in der ach so fernen Hauptstadt kümmert, denn gefühlt sind Moskau und St. Petersburg sehr viel näher. Und so heißt es hoffentlich morgen schon, was schon vor einer Woche zu lesen sein sollte:

Zwei Rubel für ein Bier (Krim I)

„Ich verstehe Sie nicht Mädchen, was wollen Sie?“ Dreimal versuchte ich meinen Wunsch verständlich zu machen: Ich wollte ein Lvivskie, ein westukrainisches Bier, schmackhaft, würzigherb und in diesem Moment vor allem eines: kalt. Genau 50 cm trennten mich von diesem kleinen Glück, doch erst die Frau des Verkäufers konnte helfen. Denn klar, in Sevastopol ist nicht zwangsläufig das, was die Flasche vorgibt zu sein, hier heißt das Bier wie die Stadt aus der es stammt, Lvovskie aus Lvov und nicht ukrainisch Lviv. Und damit sind wir mitten drin im Sprachenstreit, der hochaktuell dieser Tage durch einen weiteren die Gemüter erhitzenden Punkt angereichert ist: Die russische Schwarzmeerflotte und ihre Stationierung um weitere 30 Jahre und jedem ukrainischen Ukrainer ein Dorn im Auge, ein Stachel im Fleisch, der vor Augen hält, dass die Krim zwar seit Chruschtschows Geschenk dazugehört, aber so richtig vielleicht dann doch nicht. So wundert es kaum, dass ich an diesem Wochenende auf der Krim politische Lehrstunden erhielt, wie schon seit dem Studium nicht mehr.

Denn eines sollte ich begreifen, als das Mädchen aus Kiew, das an der Mohyla-Akademie lehrt, der ukrainischen Kaderschmiede, die Krim ist alles, Beginn der Seidenstraße nach Asien, griechische Siedlung, türkisch geprägte Stätte! Aber eines ist sie nicht: ukrainisch. […]

Montag, 26. April 2010

Mein Ritter mit dem traurigen Antlitz

Während im Hintergrund ein Lied dudelt, über das ich mir schon Gedanken mache, seit dem es in meinem Emailfach landete, versuche ich die Eindrücke der letzten Zeit nicht wieder in den nächsten Tag zu schieben, an dem ich wieder all die vielen kleinen liegengebliebenen Aufgaben der letzten Zeit abarbeite, die einen so wenig befriedigen und doch dazuführen, dass die wichtigen Eindrücke und Geschichten verdrängt werden, bis man sich ihrer nicht mehr erinnert. Aber nun eigentlich zu meiner letzten Reise in die Bukowina eines Paul Celans und einer Rose Ausländer, die ich gern überschreiben würde mit:

Mein Ritter mit dem traurigen Antlitz

So beschreibt Frau Zwilling ihren nächtlichen Gast Herrn Zuckermann in einem preisgekrönten Dokumentarfilm aus den 1990er Jahren über die letzten zwei jüdischen Überlebenden aus Czernowitz. Und in der Tat ist Herrn Zwilling, dessen Grab wir besuchten, eine Traurigkeit ins Gesicht geschrieben, die man im modernen Czernowitz lange vergeblich sucht, bis man in die Randbezirke zum alten jüdischen Friedhof fährt, der seinem kompletten Verfall preisgegeben ist, wie alles eigentlich. Der Davidstern auf der Synagoge, der in einem tiefblauen Frühlingshimmel auf halb acht hängt, die Eingangspforte verriegelt und verrammelt und das Licht, das durch die zerbrochenen Fenster des Daches bricht, die Gräber, die die Geschichte einer Stadt schreiben, die ihren Bewohnern genau zwei Museumsräume wert sind, hat mich sprachlos gemacht. Diese Geschichtsvergessenheit, dieses Leben im hier und jetzt, in einer Stadt, die einmal mehr als 40 Prozent von jüdischem Leben geprägt war und die heute wie eine typische Stadt des alten österreichischen Kaiserreichs wirkt, die auch in Tschechien und Polen liegen könnte und einen Charme von Verfall ausstrahlt. Die berühmte Synagoge an prominenter Stelle ist seit Sowjetzeiten das städtische Kino und die Frage bleibt, welche der Diktaturen ihr mehr Gewalt antat.

Wie so vieles auf dieser Reise, die mir vorkam, als wäre ich Wochen und nicht 3 Tage unterwegs, habe ich Frau Zwilling und Herrn Zuckermann nur in Ausschnitten wahrgenommen, weil ich alles mitnehmen wollte, um ja nichts zu verpassen und so war es im Rückblick wie ein Rausch, der auf der 16stündigen Zugfahrt begann, die mir das metallene Herz eines 18jährigen Soldaten einbrachte, der auch am allerletzten Abend seines einjährigen Dienstes nicht zu trinken wagte. Ich verlor es genau 5 Minuten nach Übergabe, alles Suchen unter den Betten unserer altersschwachen Unterstöckler half nichts, es war weg. […] Es war mit Abstand die lustigste Zugfahrt meines Lebens, unser Ausländerruf verbreitete sich in Windeseile und brachte uns beinahe eine freie Fahrt im Coupe ein, weil der Schaffner nicht glauben wollte, dass wir uns Platzkart, also dritte Klasse antun, Äpfel von Mitreisenden und neugierige Blicke, vor allem aber schöne Begegnungen und viel Übung meiner Russischkenntnisse

Auf Regen folgte Sonne, auf Kälte Sommersprossen und auf eine Einladung zum Kaffee auch immer ein Cognac. Grund unserer Reise war die Eröffnung des deutsch-ukrainischen Kulturzentrums „Gedankendach“, an der Czernowitzer Uni, die mit einer Instrumental-Gesang und Lifemalerei begann, umrahmt von unendlichen Reden, die uns bis ins Mark erfrieren ließen in einem 10 Grad abgekühlten Czernowitz und das Wochenende im Anschluss daran mit Cognac einläuteten. Es brachte uns auf jeden Fall eine Einladung der besonderen Art ein: Ein Maler, der uns in sein Atelier einlud und der sich die alte Stadt zu eigen macht, in alten Jugendstilhäusern herumstreicht und Beispiele deutscher und jüdischer Kultur in seinem Studio sammelt. Wir waren so angetan von ihm, wie er von uns. Wir schienen ihn zu verjüngen, auf unseren Fotos erkannten wir ihn kaum wieder. Er zeigte uns Spuren eines Czernowitz, die vor alltäglichen Augen verborgen bleiben, alte Inschriften in Hausfluren, Treppengeländer Wiener Art, Mosaike mit Namen des Besitzers in gewöhnlichen Aufgängen.

Wir verließen Czernowitz in strahlendem kalten blau und ich mit einer fetten Grippe, die versprochene heilende Wirkung des Cognac hatte versagt und mittelalterliche Stadt Kamenets-Podolsky nahm ich nur noch fiebrig wahr, hübsch anzusehen mit seinen armenischen, polnischen, jüdischen und türkischen Einflüssen, leer um diese Jahreszeit, kaum Touristen und mit dem winzigen Gefühl die ersten Entdecker dieser alten Straßen gewesen zu sein, machten wir uns noch am selben Abend auf nach Stari Konstantinow, wo Erwin wohnt und unser Gastgeber für die Nacht. Erwin, Südtiroler und Tischler in fünfter Generation, der glaubte in der Ukraine ein gutes Geschäft machen zu können und der mittlerweile nur noch bemitleidet wird, wenn er erwähnt, dass er hier versucht Fuß zu fassen. Erwin, der sein Mehl aus Italien importiert, vom Kaffee abgesehen, dessen jeder zweite Satz in einer Tirade über die unwirklichen Bedingungen des Lebens hier beginnt, ist seit 2004 in der Ukraine und sollte doch besser wieder gehen, aber kann wohl nicht davon lassen. Ein gutes Beispiel nicht zu lange Wurzeln schlagen zu wollen.


Und so machten wir uns auf zur letzten Minibusreise zurück nach Kiew, denn dieses Nest hatte außer dem Kreisverkehr nichts zu bieten - abgesehen vom spektakulär selbstgemalten Kinoprogramm - wo wir an halbverfallenen Dörfern vorbeizogen, an Pferdewagen, an Traktoren, die kleine schwarze Wölkchen in den blauen Himmel pusteten und von Störchen umringt waren, die in der frischen Erde pickten, wo wir neue neugierige Reisende trafen, die schmierigen Köpfe unserer Vordermänner genau beobachteten und nach 5 Stunden in einem unwirklich pulsierenden Kiew ankamen. Aber der Eindruck kann auch vom Fieber kommen.

Schön ist es hier zu sein, sehr schön und trotzdem habe ich das Gefühl, dass es mich weiterzieht, wohin, das ist die große Frage, die mich lange Geschichten zu später Stunde schreiben lässt, um mir nicht darüber das Hirn zu zermartern.

Danke für die Geduld derjenigen, die bis zum Ende durchgehalten haben und eine geruhsame Nacht aus Kiew

Dienstag, 6. April 2010

Ostern mit Budenzauber, aber nur in meinem Kopf

Mit großen Erwartungen ging ich an dieses Osterfest, mit einer Freude pustete ich rohe Eier aus, um sie anschließend mit Aufklebern in ukrainischer Nationaltracht in heißes Wasser plumpsen zu lassen, dass es mir selbst nicht ganz geheuer vorkam und so kam es, wie es immer kommt, wenn die Erwartungen und Phantasien übergroß sind, alles ist nur halb so verzaubernd, wie es in der Vorstellung abläuft.

Noch beeindruckt von meiner Messe in der Nähe vom westukrainischen Luzk, wo der Weihrauch das Atmen erschwerte, die rhythmisch wiederkehrenden Choräle das Bewusstsein langsam umsäuselten und außer Kerzenschein keine Lichtquelle, das Ganze zu einer echten Konzentrationsherausforderung im Stehen machte, erwartete ich ein noch intensiveres Gefühl zu Ostern, dem wichtigsten Fest in der russisch-orthodoxen Kirche. Nach sechswöchiger Fastenzeit, die hier beinahe vegan begangen wird, warten alle auf das große Fest, das nach Jesus Auferstehung stattfindet, und dem ein nächtlicher Gottesdienst vorweg geht. In Dunkelheit beginnt die Messe, die die spirituelle Dunkelheit vor der Christenheit symbolisiert. Erst gegen Mitternacht werden die Kerzen angezündet und in einer Prozession verkündet, dass Jesus auferstanden ist.

Was hier nach selbstgemachten Erfahrungen klingt, sind angelesene Halbweisheiten, denn anders als die Gläubigen hatten wir uns die Bäuche mit Pasta vollgeschlagen bevor wir vor Torschluss der letzten Metro aufbrachen, mit vielen touristischen Fotostopps unterbrochen - wir hatten französisch-russische Gäste dabei. Damit begann meine erste Enttäuschung, denn ich war alles andere als spirituell empfänglich nach 2 Gläsern Weißwein und das Ganze verkam zum touristischen Event. So sehr ich es mir auch einrede, nur weil ich zu solchen Festivitäten renne und vorher alles mögliche anlese und Leute befrage, so richtig begreifen kann ich es dann doch nicht und bleibe in der Beobachterposition außen vor […] Mystisch und dunkel, voll ja, aber nicht rempelnd und aggressiv, hatte ich mir dieses Ostern vorgestellt, mit Weihrauch und dunklen rhythmischen Gesängen während der nächtlichen Ostermesse, die über mehrere Stunden andauert und alle darauf warten ihre in Körben mitgebrachten Gaben segnen zu lassen. Stattdessen roch es nach ungewaschenen Menschen, die rücksichtslos nach vorn drängten, wo die Luft immer schneidender wurde, für die, die nicht mehr in die Kirche passten und das waren viele, gab es einen Freiluft-Gottesdienst mit Großleinwand und Life-Übertragung, wo man nicht nur den Priestern bei der Zeremonie sondern auch einem ernsthaft dreinblickenden Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch zusehen konnte, der ebenso am Spektakel teilnahm wie viele Kamerateams und mir unbekannte Prominente. Wir freuten uns an unseren Kopftüchern, die Pflicht sind für Frauen, und uns in alte Babuschki verwandelten, machten Gruppenfotos mit dem erstandenen Osterkuchen und verpassten so wohl die Botschaft. Denn zwei Stunden vor Ende brachen wir mit ungesegnetem Kuchen, dafür mit kalten Füßen wieder auf und ich frage mich mittlerweile, ob ich es ohne übergroße Vorstellungen anders interpretiert hätte.

Nichtsdestotrotz wünsche ich noch gesegnete Ostern nach Deutschland, wo alles etwas unaufgeregter begangen wird mit dem üblichen lokalen Gruß, den sich jeder Passant gestern einander zuwarf: Христос воскрес! (Jesus Christus ist auferstanden) und man antwortet: Воистину воскрес (wahrhaftig auferstanden).


P.S. Der Kuchen war auch ungesegnet lecker und beim Ostereieranschlagwettkampf lag ich zwar abgeschlagen hinten, war dann aber doch ganz versöhnt, denn die Ethno-Eier-Aufkleber, mit denen ich die Republik pflastere sind zwar nicht pünktlich vor Ort bei Euch gewesen, aber auf jeden Fall ein heißer Tipp für nächstes Jahr!