Montag, 18. April 2011

das Büro (36)

das Büro der Deutschen, wie es hier auch zuweilen genannt wird. Was habe ich hinter dieser Tür gefroren, geflucht und manchmal auch gelacht. Staubig ist es geblieben, ordentlicher und offener zwar, aber kein Ding gemütlicher. Ich friere immer noch. Seitdem ich die Vorhänge entsorgt habe, ist ein Arbeiten bei Sonnenschein eine Herausforderung. Manche meiner Entscheidungen rächen sich eben irgendwann. Aber dieser Sowjet-Teile war ich sicher, nie wieder zu vermissen. Nun ja...
und was habe ich an diesem Schloss herumgewürgt, einmal fiel die Klinke von der anderen Seite ab oder ich versuchte es mit dem falschen Schlüssel, der 5 dafür zuständige Personen auf den Plan rief meine Tür aufzubekommen, als Nummer 6 mit der Brechstange kam, hatte ich den Fehler bemerkt. Ach diese Deutschen!

Sonntag, 17. April 2011

der Spusk (37)

ich bin mindestens einmal die Woche hoch oder runter gewandert, am liebsten aber am Wochenende, wenn die Holpersteine von Massen von Flaneuren bevölkert werden und die Nippeshändler und - händlerin sich um Verkaufsplätze streiten. Der Andrievski Spusk soll nicht nur eine der ältesten Straßen Kiews sondern Osteuropas sein, sie verband die Ober- mit der Unterstadt. Die Steine wirken zum Teil, als wären sie seit erster Stunde dabei und bevor ich gleich klinge wie eine Reiseführer es besser könnte, schließe ich diesen Eintrag damit, dass mir dieser Stieg fehlen wird, mit seinen Straßenhunden und Händlern, Museen und Galerien, Bauruinen, Straßenlöchern und vor allem dieser Stimmung, die meine Erinnungsstütze der Fotos nicht einfangen kann.

Freitag, 15. April 2011

schnelle Rolltreppen (39)

wie oft ist es mir schon passiert, dass ich dabei war pünktlich zu sein, dabei aber nicht den Rolltreppenweg eingerechnet hatte, der an der ein oder anderen Metrostation weitere 7min macht. Ein Ärgernis, dabei sind sie so schnell, dass ich einige Anläufe brauchte um ein nur kaum verwackeltes Bild zu erhaschen.
Was werde ich mich langweilen auf deutschen Rolltreppen. Hier sind sie so lang und schnell, dass gleich mehrere Rolltreppen-Gezwinker-Momente mit der Gegenseite möglich sind. Gut sind auch jene, die Paraden und Opern zur Belustigung spielen. Man werde ich das vermissen!

Donnerstag, 14. April 2011

Die Auswahl an... (40)

... kleinen und großen Matrjoschki. Hach...

Mittwoch, 13. April 2011

Tag (41)

das Markttreiben wird mir fehlen, mit den Verkäuferinnen, die in unbeobachteten Momenten die eigenen Waren verköstigen, ständig herumbrüllen und einen zum Kauf von allen möglichen Dingen animieren wollen.

Dienstag, 12. April 2011

Die Tramwajs auf dem Kontraktova (42)

zugegeben, das Foto ist nicht ganz taufrisch. Die Temperaturen werden zwar immer noch nicht so recht einem Frühling gerecht, aber der Schnee ist längst weg und die Pelzmützen sicher verwahrt bis zum nächsten Jahr.
Aber zwei Exemplare so schön in Szene gesetzt in diesem Licht, das gelingt mir nicht alle Tage. Ich werde es vermissen, das Geruckel, das schnelle Anfahren und Geklingel bei Konkurrenz auf der Straße, die Billet-Verkäufer, die von Station zu Station durch die Tramway laufen, manchmal sogar die drei Löcher ins hauchdünne Papier stanzen, weil man sich zu doof - sprich westlich - anstellt.

„Willkommen im Gruselwunderland: Chernobyl- Tours hat sich was ganz besonderes für Sie überlegt“

Eine Woche habe ich gebraucht, eine Provinzreise in die Westukraine dazwischen geschoben, ein normales Arbeits-, Alltagleben gelebt, gelacht, geflirtet, getrunken, bis ich es aufschreiben konnte. Zu groß der Zweifel an der Reise, der Ekel an den Menschen, an der Inszenierung von etwas, dass ich immer noch schlecht in Worte fassen kann, weil ich es nicht verstehen kann, weil es sich schlecht verstehen lässt, weil die Bilder nicht echt waren und doch sind sie es. Eine Stadt, eine Schule, eine Turnhalle, ein Schwimmbad, ein Leben das vor 25 Jahren abrupt aufhörte. Und dann ist da dieser Grusel.


Vor 25 Jahren genau ereignete sich eine zwei Stunden Fahrt von Kiew entfernt eine atomare Katastrophe, die einen riesigen Landstrich unbewohnbar macht für Jahrhunderte und die Welt den Atem stocken ließ. So oder so ähnlich lesen sich Reportagen, Artikel und Fotobebilderungen dieser Tage, denn am 26. April jährt sich die Katastrophe, alle Touren in die Zone sind bis Mai nur noch Journalisten vorbehalten. Wir haben eine der letzten Touren erwischt.

 „It is fabulous“ sagt er und misst die Helligkeit aus, als wir in einen Raum kommen, an dem die Parteifunktionäre auf Leinwand gebannt in Reih und Glied stehen, davor Schutt, so malerisch – so malerisch eine Katastrophe sein kann. Und aus mir bricht heraus „ It is made for you and your story“. – Pause. Unverständnis. – Alle rennen weiter zum nächsten Bild, auf der Suche des einzigen, einzigartigen Bildes, der Grusel, der nach Fukushima Konjunktur hat immer im Nacken. Es gibt diesen Moment, dieses Bild nicht , schon Generationen von Journalisten, Fotographen waren hier, sie vereint der Blick wie man den Grusel in die Welt hinaustragen kann hinaus aus der Zone, die nach zwei Sonderkontrollen erreichbar ist.  Die geführten Routen sind gleich, Panzer- und Räumgeräte-Wiese, verlassener Kindergarten im Wald versteckt, Kühlungsbecken, der so frühlingshaft friedlich vor uns lag, der Sarkophag und schließlich die verlassene Stadt. Prypjat – Highlight der Lehrstunde: Katastrophe in mehreren Teilen. [...]Kinderbettchen, davor ein paar Hausschühchen, auf dem Boden zerstreute kyrillische Buchstaben, ein Springseil, eine Tafel – der perfekte Winkel für ein Bild. Kälte. Kälte eines Ortes an dem es vor 25 Jahren zuletzt Leben gab.

[...] Wegschmeißen will sie alles und ich gehe beunruhigt mit einem Geigerzähler meine Lieblingsschuhe entlang. Der Piepton bleibt stabil bei einem Wert, der nicht beunruhigend ist, nicht wie bei einem kurzen Halt an einem harmlos scheinenden Birkenwald, der friedlich einem neuen Frühling an einem der ersten warmen Wochenenden entgegenwächst, das Piepen hat sich zu einem schrillen nervösen Dauerton entwickelt, die Türen des Kleinbusses sind noch geschlossen und es ist ganz still in diesem Moment.

Ganz still ist es auch in einer früheren 50 000 Menschen-Stadt, kalt ist es in Gebäuden, die fluchtartig aber friedlich verlassen wurden. Die Unordnung stammt von den Aufräumarbeiten, die zerborstenen Fenster und überall Natur, die sich hineinwächst in diese Stadt. Überall sprießen Birken. Überall Rost. An manchen Stellen tropft noch der Winter durch die Decken. Eine sowjetische Bilderbuchstadt war dieses Prybjat einst, gebaut im Dienste der Atomkraft. Man muss kein Atomkraftgegner sein, um hierher zu kommen, aber es hilft sicher dabei einer zu werden.

Montag, 11. April 2011

das Vergessen (43)

Vielleicht gehöre ich einer Nation an, die nicht gern vergisst, die vielleicht auch dazu gezwungen wurde und sich an dieses kleine Detail nicht mehr erinnert. Vielleicht nicht alle, aber ich erinnere. Ich veranstalte keine Grillabende an Orten, an denen Massaker an Tausenden von Menschen stattfanden, erkenne das Leid einzelner Gruppen an wie das erlittene Leid anderer ohne dazwischen abzuwägen. Noch immer zucke ich bei jedem antisemitischen Witz zusammen, genau so bei homophoben. Aber auch an diese Momente sollte ich mich erinnern, bevor ich mich einer ukrainophilen Folklore-Erinnerung hingebe.

Sonntag, 10. April 2011

die Oper (44)

In der Kiewer Oper entdeckte ich meine Leidenschaft fürs klassische Ballett, war verzaubert von Prokovjews Romeo und Julia, angetan vom Nußknacker-Weihnachtstraum bei sommerlichen Höchstwerten, fieberte mit Madame Butterfly um ihren amerikanischen Handeltreibenden, in einer Puccini Oper, lachte mit Figaro und bestaunte das ein oder andere Mal ein Ballett das ukrainische Volkstänze vorführte. Sie wird mir fehlen, genau so wie der Krimsekt der ersten Pause und die posierenden Paare auf schönstem Marmor gülden umrahmt.

Samstag, 9. April 2011